Nürnberger Bratwürste?
NÜRNBERG – Ihr wisst schon, das sind die kleinen Dinger. Drei Stück im Brötchen für vierfuffzich. Nicht nur sie sind dort allgegenwärtig. Auch das Aushängeschild der Stadt, die Kaiserburg, ist schon von weitem gut zu sehen. „Schutz und Sicherheit im Zeichen der Burg“. Wer kennt diese Versicherungswerbung nicht? Real liegen die Dinge da doch etwas komplizierter, wie mein gestriger Besuch dort gezeigt hat.
Nach anfänglichen Zweifeln hatte ich mich sehr kurzfristig zum Besuch entschlossen. Dass gestern Tag der deutschen Einheit war wurde mir eigentlich erst klar als ich den Fahrplan studierte. Sonntagsbetrieb. Und da waren doch tatsächlich etliche Grüppchen junger Leute, die tatsächlich von Frankfurt aus mit der Bahn nach München zum Oktoberfest fuhren, wohl um sich dort abzufüllen. Das Ganze erinnerte dringlich an eine falsche Ausgabe vom Komödiantenstadl, hatten doch einige der Damen keine Scheu sich im Zug bei laufender Fahrt umzuziehen und dann im Dirndl da zu sitzen, wobei die Auswahl eher so gestaltet war „ob man nicht noch etwas mehr frei lassen könnte“! Kultur und Benimm sind nicht für jedermann/frau. Es hatte jedoch auch andere Folgen, verteilte die Messe doch gleich am Eingang gegen Abstempeln der Eintrittskarte einen Gutschein. 15 Euro Eintritt bringen also 100 Euro Gutschein, einzulösen im teilnehmenden stationären Fachhandel. Wer da teilnimmt erfährt man nicht. Es machte demnach wenig Sinn, nach der Messe in der Stadt einkaufen gehen zu wollen. Die Läden hatten wegen dem Feiertag geschlossen.
Was kann da das Problem sein? Man muss hier schon sagen was die Kunden erwarten dürfen, sind die Fotohändler doch weitgehend in Ketten zusammengeschlossen, die auch andernorts Filialen haben, und so mancher Artikel ist entweder gar nicht vor Ort erhältlich und muss aus einer der anderen Filialen oder dem jeweiligen Zentrallager herbeigeholt werden, oder wird gar nur online gehandelt. Ein Beispiel hier wäre die Nikon Zf, oder deren kleiner Bruder, die Zfc. Davon bekommt man nur die silberne oder schwarze Variante in den Läden vor Ort. Es gibt aber noch ein ganzes Bündel mehr mit anderen Farbvariationen, und die gibt es nur bei Nikon selbst im Webshop. Oder andere Sachen wie der Speed Editor für Davinci Resolve, der in einer anderen Filiale der Firma verfügbar wäre, nicht aber in der in Nürnberg. Es macht wirtschaftlich wenig Sinn, extra deshalb zweimal nach Nürnberg zu fahren, wenn ich die Sachen auch in der Nähe bekommen könnte. Die Fahrkarte kostet ähnlich viel wie der Gutschein wert ist. Auf Nachfrage gab es die Auskunft, man werde über die Webseite informiert. Nun, auf der Messeseite steht dazu nichts Schlüssiges, und die infrage kommenden Händler führen das Ereignis noch nichtmal näher auf. Wo gilt denn nun der besagte Gutschein? Nur in den Filialen in Nürnberg, oder auch in den anderen Filialen der gleichen Kette, und wie ist es mit der Onlineversion dieser Läden? Der Gleichbehandlungsgrundsatz wäre da schon einzuhalten. Es erscheint etwas unseriös. Ich habe jetzt mal meinen „Stammhändler“ angefragt und warte auf Antwort.
Hin zu kommen war relativ einfach. Drei Stunden Fahrzeit mit dem Zug, davon zwei im ICE. Lässt sich aushalten. Die Nürnberger haben ein zwar löchriges, da wo es fährt aber hervorragendes Nahverkehrssystem. Die U1 fuhr alle fünf Minuten, ein Wert der anderen Städten zu denken geben sollte. Zehn Minuten Grundtakt mit Verstärkern, und das nicht weil Messe war. Die Begründung war die Kirmes. Mir konnte es egal sein. Die Extrawagen fuhren genau zur Messe. Da führt dann eine Brücke von der Haltestelle zum Eingang, und am Ende der Brücke stand der versammelte Workshop und wartete darauf, dass die störenden Elemente das Bildfeld räumten. Nun, wenn alle fünf Minuten Fahrgäste ankommen war vielleicht der Standort suboptimal gewählt?
Die Imaging World ist ein guter Wiedereinstieg einer Branche, die den Kundenkontakt in den vergangenen Jahren etwas sehr hat schleifen lassen. Seitdem es die Photokina nicht mehr gibt und auch die Photopia die Segel gestrichen hat war da nichts mehr, was den Namen Messe verdient gehabt hätte. Auch bei der Imaging World hat sich gezeigt, dass da noch Potential besteht, stellten sich doch vor Beginn zahlreiche Fragen, die im Verlauf des Besuchs nicht weniger wurden. Ganz im Gegenteil.

Das fing bei der Ausstellerliste an. Aus den Rezensionen des letzten Mals konnte bekannt sein, was da kritisiert wurde, und ja, anscheinend waren die Kritiken berechtigt. Auch diesmal ist da nicht nur eine Ausstellerliste. Auf der Webseite gibt es eine andere als dann vor Ort, und am Beispiel links (Bildschirmfoto) sieht man was ich meine. Blackmagic Design ist der Hersteller von Davinci Resolve, der Schnittsoftware, und ich hätte da gestern gerne ein paar Dinge besprochen. Nun, der Anbieter war nicht da und tauchte auf der am Ort vorhandenen Liste auch nicht auf.
Die Nürnberger Messe ist groß. Wie gesagt war die Messe in Halle 12, der Rest stand leer, und genau wäre es zu sagen sie war im Erdgeschoss einer dreistöckigen Halle, deren hinterer Teil für das allgemeine Publikum garnicht zugänglich war. Dort brauchte man eine spezielle Akkreditierung. Offenbar wollte da wer ungestört Törtchen backen? Die Stände der Aussteller waren wie ein großes O angeordnet, und dazwischen verbaut waren der Influencer-Dome, der sich als aufblasbare Kuppel mit Fernseher drin herausstellte, sowie am anderen Ende der Halle ein Boxring. Dort gab es zur Freude mancher Anwender stündlich einen auf die Glocke. Oder es tanzten leicht bekleidete junge Damen.
Moden kommen immer wieder. So erschien es auch beim Thema analoge Fotografie. Sie lebt, leidet aber augenscheinlich an verschleppten Krankheiten. Bei vielen Ausstellern scheint Nostalgie Trend zu sein. Ilford hatte seine Schwarzweissfilme wieder ausgegraben, dito mit Kodak, wobei ich nicht weiss wer die heute herstellt, oder ob es sich bei den Packungen um Schauobjekte ohne Inhalt gehandelt hat. Diascanner gibt es (wieder) von verschiedenen Herstellern von extrem preiswert bis zu schandteuer. Bei Jobo rotierten wieder die Entwicklungstanks, natürlich trocken. Wer früher noch selbst entwickeln gelernt hat weiss, was das für eine Sauerei werden kann. Aber die Sachen gibt es, noch oder wieder. Lediglich amateurgerechte Packungen der nötigen Chemie habe ich nicht gefunden. Da war ja schon immer das Problem mit den Vorstellungen der Politik zum Umweltschutz, kann man die verbrauchten Chemikalien, alles nicht ganz ohne, doch nicht einfach ins Klo kippen. 1 zu 9 verdünnte Brühe passt eben nicht wieder in den aufgeschnittenen Folienbeutel, in dem das Konzentrat einst geliefert wurde. Das haben manche Entsorger noch nie begriffen!
Der erhoffte Informationsgehalt ließ leider etwas zu wünschen übrig. Da war gleich am Anfang die optische Erscheinung. Epson hatte sich gleich am Eingang mit überdimensionalen Fotodruckern präsentiert, die sich kaum wer freiwillig ins Wohnzimmer oder ins Büro stellen wird. Dahinter gab es im wesentlichen zwei Arten von Ständen. Die offenen, und die Bunker. Leica hatte sich eingemauert, der Zugang war leicht kontrollierbar. Wollte wer seine Ruhe haben? Ähnliches konnte man bei den großen Kameraherstellern wie Canon, Nikon oder Sony beobachten, wobei da manche gleich mit drei Standnummern vertreten waren. Beratung und Verleih strikt getrennt, und dann gab es bei Canon noch im Hinterzimmer eine Bar nebst Blumenladen, wo sich die Fotografen an falschen Blumen austoben konnten. Wer bei Sony freilaufende Pfeilgiftfrösche fotografieren wollte war genau richtig. Allerdings war das Exemplar im Grünzeug aus Plastik. Alle drei behielten ihre Teile, die da in Regalen an der Wand standen, genau im Blick. Sich da einfach mal zu bedienen war ausgeschlossen. Bei den Werten sicher verständlich, nur wenn es ums Anschauen und Anfühlen ging war es hinderlich jeweils eine halbe Stunde in irgendeiner Schlange zu warten. Der Andrang war gewaltig.
Offener zeigte sich DJI. Da gab es Drohnen und allerlei andere Kleinteile. Alles zum „Anfassen“. Der halbe Stand war als Käfig ausgeführt, was durchaus berechtigt war, flog doch so manche Mini nicht unbedingt da hin wo sie sollte. Da tut ein Fangnetz zwischen Drohne und Publikum sicher gut. Wer sich da eine Mavic4 live hat anschauen können wird sicher verstehen warum die Behörden Vorbehalte haben. Das ist im Vergleich zu einer Mini ein regelrechter „Bomber“. Aber er kann halt Sachen die den anderen fehlen, was in der Praxis entscheidend sein kann.
Einschub: Wenn die Gerüchteküche Recht hat war es das mit der Messe in Nürnberg auch schon wieder. Es wird kolportiert die Imaging World ziehe um und finde ab 2027 in Köln statt, dem Ausgangspunkt und ehemaligen Standort der Photokina. Nun, wenn man da dem Urvater Konkurrenz machen will muss man aber noch gehörig wachsen, und es vor allen Dingen lernen, mit Angaben genauer zu sein als derzeit. Es mit seinen Aussagen so wachsweich zu halten kostet Vertrauen!
Nach rund drei Stunden war mein Aufenthalt auf der Messe soweit beendet, dass ein weiterer Verbleib angesichts nicht vorhandener Möglichkeiten zur Informationsgewinnung keinen Erfolg mehr versprach. Der durchaus interessanteste Teil bei dieser Messe waren die zahlreichen Vorträge und Vorführungen. Teils äußerst informativ, teils aber auch an der Sache vorbei. Ich habe dann die Zeit bis zum gebuchten Zug genutzt und bin noch in die Altstadt gefahren. Fast wäre ich auch damit fertig geworden, für den Burgbesuch hat es dann aber leider nicht mehr gereicht. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Ich komme wieder. Da ist ja auch noch das Rathaus. Oben der Ratssaal, im Keller das Verlies. Angeblich offen. Ob man beim Besuch dabehalten wird kann ich jetzt nicht sagen.
Was auffällt war der Jahrmarkt auf dem Platz vor der Kirche. Tat man doch ansonsten so hervor dass kein verkaufsoffener Tag sei wegen Feiertag und so, schienen sich die Marktstände teils nicht unbedingt daran zu stören. Die Bratwurstbuden hatten großteils geschlossen, aber auch da nicht alle, neue Besen bekam man aber reichlich. Während bei uns solche Jahrmärkte gewöhnlich mit „Fress und Sauf“ hinlänglich umschrieben sind handelte es sich hier tatsächlich um überwiegend nützliche Angebote. Haushaltswaren, Bekleidung, Werkzeug. Alles Dinge, die man nicht essen oder trinken kann.

Nürnberg ist eine Stadt der wechselhaften Verkehrsverhältnisse. Es sind mit der U-Bahn einige Stationen zwischen Messe und Hauptbahnhof, dafür muss man aber nur zwei weiter fahren um die Altstadt unterquert zu haben. Hauptbahnhof – Lorenzkirche – Weißer Turm. Dann ist man einmal durch die Stadt gefahren und hat nichts davon gesehen. Die Wühlmaus fährt eben drunter durch. Alle fünf Minuten.
Was oben drauf steht auf dem Schacht lohnt einen Besuch auf jeden Fall. Bewohntes Mittelalter. So mancher U-Bahnausgang ist im Kellergewölbe eines alten Mauerwerks eingebaut. Nürnberg ist eine der wenigen deutschen Städte mit nahezu vollständig erhaltener Stadtmauer. Die ist dick! Dick genug dass mancher Turm eine eigene Hausnummer hat und bewohnt ist. Auch heute noch.


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