Eurobike
FRANKFURT – Foto: Symbolbild, Archiv 2022 – Die große, bedeutende Fahrradmesse Eurobike macht einen Neuanfang. Mit einer gestern verschickten Pressemeldung erläutert man das neue Konzept. Ich zitiere:
| [….] in vielen Gesprächen mit Ausstellenden, Fachpublikum, Partnern und dem Beirat haben wir während und nach der diesjährigen EUROBIKE umfangreiches Feedback zur zukünftigen Ausrichtung eingeholt. Dabei wurde der klare B2B-Fokus bestätigt. Zugleich zeigte sich ein eindeutiger Wunsch nach einem früheren Termin und einem jährlichen Turnus. |
Man setzt also alles auf die eine Karte B2B und wendet sich damit vom Publikum ab! Keine Publikumstage mehr, kein Bembelkrit? Ich habe dazu eine Meinung.
Man kann dazu stehen wie man will, mir scheint dass man in Frankfurt ähnliche Fehler macht wie jene, die schlussendlich in Freiburg zum Untergang der Bike-Aktiv geführt haben. Wir erinnern uns? Anfangs war das eine „voll ausgestattete“ Messe, wo auch Shimano, Campagnolo & Co. ihre Stände aufgebaut haben, und das waren keine kleinen. Die füllten halbe Hallen. Leider kam dann Corona. Was die Politik da gemacht hat lässt sich kurz so zusammenfassen: „Die Bevölkerung wird sich gegenseitig umbringen wenn wir sie nicht völlig voneinander isolieren!“ Nun, sie leben immer noch, aber der Messe hat es das Genick gebrochen. Danach blieb davon nicht viel mehr übrig als stark vereinfacht gesagt die Resterampe der lokalen Fahrradhändler, die da eben einmal im Jahr eine Art Abverkauf betrieben. Der Frühjahrstermin passte, wenn im Tal die Blumen zu blühen begannen, während auf den nahen Schwarzwaldbergen noch Schnee lag. Das Angebot aber war mehr als nur fragwürdig. Welchen Sinn macht es in einer Bergregion Stadträder anzubieten? Die schreit nach MTB. Im Tal ggf. noch Rennräder. Mit den eMTB war da damals noch nicht soweit, das kam später. Aber – der Markt vor Ort in Freiburg ist gesättigt. Wer da ein Rad brauchte hatte schon eins. So kann man auf einer Hausmesse verfahren, aber nicht in so einem Rahmen, der nach weitaus mehr verlangt. Die Reaktion des Publikums blieb nicht aus. Der Besucherandrang verhielt sich mengenmäßig wie ein Downhill. Zum Schluss kam keiner mehr, und die Messe verlief sich erst zwischen Caravan und Barbecue, und dann im Nichts. Zwischenzeitlich war sogar einmal eine Modellbahnausstellung mit dabei. Das füllt Hallen und macht optisch was her, passt aber nicht zum Thema. Das waren „Verzweiflungstaten“! Ähnliche Tendenzen gibt es auch woanders, und wenn das erneut so kommt wie zu vermuten steht passiert auch hier genau das gleiche.
Warum ist das so? Stelle die Frage anders. Was machst du wenn du ein neues Fahrrad suchst, und nicht recht weisst was du willst. Du suchst dir einen Überblick. Wo bekommt man den am besten? Eben da, wo alle Hersteller Seite an Seite ihre Produkte präsentieren, eben bei der Eurobike. Es gibt noch andere Messen wie in Düsseldorf die ebenfalls gute Cyclingworld, oder in Stuttgart die CMT – die ist aber eher eine Campingmesse mit Fahrradabteilung und geht in eine andere Richtung. Ausschlaggebend ist hier wie da die gebotene Testmöglichkeit. Was kein Händler in dieser Art und Weise kann wird hier geboten: sich förmlich durch den Markt zu probieren, bis man das Passende gefunden hat! Fallen die Publikumstage weg entfällt auch diese Möglichkeit.
Da es sich gezeigt hat welches Problem der örtliche Fachhandel gewöhnlich hat kann klar sein, was die Leute tun, die sich halbwegs auskennen. Auf den Messen wird dir gesagt, die Räder könne man hier nicht kaufen, dazu gehe man in den Fachhandel. Dort erfährst du, man habe nichts am Lager. Was passiert? Die Leute halten sich an die Kataloge der Versender, weil sie eben vor Ort nur viel versprochen bekommen, aber die Bikes regelmäßig nicht in der benötigten Größe verfügbar sind. Öffne eine Webseite eines solchen Angebots und du findest: XS, S, XXL, … Was würde gebraucht? M, L, … Für Liliputaner und Goliath ist Ware da, nur wie viele fragen danach? Das beginnt beim kleinen Händler vor Ort, dessen Lagerplatz es eben nicht hergibt und endet noch lange nicht bei den großen Ketten, die zwar Lager hätten, wo es dir schlussendlich aber nicht hilft wenn das Rad deiner Wahl am anderen Ende der Republik wartet. Da kannst du es nicht abholen, und geliefert wird die Katze im Sack. Ob das dann dem entspricht was das Prospekt versprochen hat ist regelmäßig eben die Frage. Oft genug weicht die Farbe real von der Abbildung ab, und gefällt dann eben mal besser, mal schlechter, oder die Ausstattung entspricht dann nicht dem, was geschrieben stand. Nimm es oder lass es? Der Durchschnittskunde wird nicht fündig, und beginnt das zu begreifen! Da hilft es wenig wenn sich manche Händler hinstellen und sagen, such dir was aus dem Bestand aus, wird schon passen. Nein, das wird nicht passen, auch wenn vielleicht die Größe stimmt, es ist nicht das, was die Kunden gewünscht haben. Es ist recht wahrscheinlich dass damit viele nicht zufrieden sein werden.
Da kann die Branche lange Netzwerken, lange in Hinterzimmern diskutieren, abgeschieden von der Öffentlichkeit Beschlüsse fassen – solange sich am Angebot und der Warenverfügbarkeit nichts ändert wird die Kundschaft weiterhin reagieren wie sie das bereits seit langem tut. Die einen mit Kaufzurückhaltung, die anderen mit Abwanderung. Diese Zustände sind nicht neu. Ich habe jedoch nicht den Eindruck, dass man das Problem erkannt habe, und etwas dagegen unternehme. Ganz im Gegenteil. Die Tage hiess es in einer Werbung, man solle jetzt nicht länger warten, sondern kaufen. Die neuen 2027er Modelle seien am Eintreffen. Schön! Jetzt ist Herbst. Welcher Durchschnittsradler kauft jetzt ein neues Fahrrad? Das machen die Leute, wenn sie wieder Lust bekommen. Im Frühjahr. Jetzt kaufen vor allem die Vereinssportler, und wer in einem der Teams ist wird auch über das Team mit Material versorgt. Das sind zwar dann teure Räder, aber dabei kommt nicht die Menge rum dass ein Kaufmann davon das Jahr über leben könnte. Der muss sich nach dem Massenmarkt richten, und eben den schneidet man gerade ab. Die Symbolik hat Gewicht, wenn man den Kunden durch die Messe nun sagt, sie seien nicht mehr Gegenstand des Interesses. Wer sein Ding in Hinterzimmern besorgt kann auch gerne da bleiben. Die Kunden fahren dann nach Koblenz, Bocholt et cetera. Auch wenn man von dort ebenso hört, die Zeiten seien schwierig. Dort bekommt man aber erfahrungsgemäß am ehesten die gewünschten Dinge. Man muss nur schauen was da so in der Gegend herum gefahren wird. Rose, Canyon, … Die Zeiten werden dann vor Ort noch schwieriger. Gäbe es in jeder Großstadt sowas wie eine „Biketown“ wäre das Problem vielleicht nicht so mit Händen zu greifen, aber Konzepte von gestern passen nicht zu Kunden mit Internetzugang. Schon gar nicht wenn sie vor Arroganz triefen!
Merkt ihr wo euer Problem liegt? Diese Sorte Konzepte gehen gehörig am Markt vorbei! Sie berücksichtigen nicht die Bedürfnisse der Kunden. Das aber sind die, die das Geld haben, das ihr gerne in eure Kasse lenken wollt. Dafür muss man aber das anbieten, was die Kunden brauchen, statt zu meinen, man könne die Kunden auch dem eigenen Bedarf formen.
Das wird nicht funktionieren! Wenn die Messe jetzt einen auf Nadelstreifen macht hört sie für die Community auf zu existieren! Aus Verbrauchersicht ist vielleicht das Angebot der asiatischen Hersteller weniger interessant. Ich sage nicht die seien schlecht, aber da zählt vor allem, was man danach real im Laden kaufen kann, was dem eigenen Erlebnis weiterhilft. Ich könnte mir vorstellen, dass eine Verbrauchermesse Anklang finden könnte, wo man eben den gesuchten Marktüberblick bekommt, alles anfassen und ausprobieren darf, und nicht darauf angewiesen ist in einer Art Lotterie zu gewinnen, dass man das Objekt der Begierde gerade bei einem Händler vorfindet und dafür vielleicht durch die halbe Republik fahren muss. Selbst wer findet hat ein Problem. Neue Räder werden ja erst für die Endkontrolle durch die Werkstatt geschoben, weshalb man sie heute kaufen, aber oft genug nicht vor morgen abholen kann. Das mag nötig sein, aber wer reist schon zweimal an zwei Tagen über womöglich hunderte Kilometer an?
Mein Vorschlag wäre, an die B2B-Version eine Verbrauchermesse anzuhängen. Das eine unter der Woche, das andere am Wochenende danach. Da eh schon alle da sind sollte das keinen allzu großen Aufwand bereiten, und die Kundschaft wäre auch bedient. Ihr habt euch gewundert dass die Resonanz dieses Jahr ausgeblieben ist? Nun, wer geht schon gerne bei +40°C außer Haus? Das war Pech mit dem Wetter und vom Effekt her nicht viel anders, als wenn es das ganze Wochenende über Bindfäden geregnet hätte! Darauf hat keiner Einfluss. Hier aber werden Brücken gesprengt, die ihr morgen bitter brauchen werdet. Sonst mutiert die Eurobike von der weltgrößten Fachmesse zur unbedeutenden brancheninternen Konferenz.



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