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Graue Maus?

Graue Maus?

Foto: Symbolbild – Bunter Papagei oder graue Maus? Die Farbe passt regelmäßig schon, aber auf den Inhalt kommt es an.

Heute will ich mal darüber reden warum es zielführend sein kann, bewusst Bescheidenheit zu üben und zu einem Fotoereignis eine „Einsteigerkamera“ mitzubringen. Ich spreche nicht von Handys! Warum? Kommt gleich.

Der Begriff ist aus der Werbung und aus sich heraus irreführend. Diese sogenannten Einsteigermodelle sind vor allem eins: relativ preiswert und vergleichsweise stark automatisiert. Sie sollen Unbedarften beim Bilder machen helfen. Eben das aber kann bei planmäßiger Fotografie eher ein Hindernis sein. Man kann Automatiken aber abschalten wenn man sie nicht braucht. Ich bitte das Unbedarft nicht als abwertend zu verstehen. Nicht wissen und Dummheit sind eben verschiedene Dinge, und davon abhängig ob man es hat lernen können. Die einen müssen noch, bei anderen ist es zwecklos. Wenn aber andere einem das Denken abnehmen wird es oft nichts. Man kann die Zusammenhänge nur „by Doing“ verstehen.

Exkurs: Die richtige Belichtung eines Fotos wird durch drei Faktoren bestimmt. Blende, Verschlusszeit und Empfindlichkeit, heute eher Verstärkung. Die drei bilden ein Kräftedreieck. Wer also am einen Ende dreht verstellt zwangsweise auch die anderen Werte, oder erhält eine falsche Belichtung. Das treibt Ungeübte in den Wahnsinn, und erlaubt Geübten einen Kniff: das Manuell-Programm in Verbindung mit einer ISO-Automatik. Manuell bezieht sich hier darauf dass der Wert der Filmempfindlichkeit fest ist. Ein chemischer Film hatte eine bestimmte Empfindlichkeit. Lassen wir mal beiseite dass man auch die in Grenzen durch die Entwicklung beeinflussen konnte. Für Hobbyisten, die ihre Filme im Fotoladen abgaben, war der Wert fest. Heutige Sensoren sind das aber nicht mehr. Den Umfang der Verstärkung kann man regeln, und das macht heute oft eine Automatik. Die Verschlusszeit für ein Motiv kann aus der Winkelgeschwindigkeit abgeleitet werden, die Blende ergibt sich aus der gewünschten Tiefenschärfe. Die Verstärkung passt die Belichtung in Grenzen auf den Bedarf an.

Das einfachste Modell einer Fotokamera ist die Camera Obscura. Schwarzer Kasten mit Loch drin. Anfangs im Format eines Gartenhäuschens. Damals war der Film noch nicht erfunden, man wusste aber schon dass das Loch innen ein spiegelverkehrtes Abbild der Umwelt auf die Rückwand warf. Ganz ohne Linse, wenn das Loch nur klein genug war. Ein Zeichner konnte sich da rein setzen und nachmalen was er sah. Später ersetze der Film den Zeichner, und das Konstrukt wurde tragbar. Die Kamera war erfunden. Anfangs noch primitiv, später dann immer ausgefeilter.

Welche Kamera für etwas geeignet ist entscheidet sich nach den Anforderungen. Fotografieren, also Bilder machen, können sie alle – solange dein Motiv keine besonderen Anforderungen daran stellt! Der Marktplatz läuft selten davon, ein Radrennen wartet dagegen kaum auf den Fotografen. Die Grundfunktionen sind heute in nahezu allen Modellen gleich vorhanden. Du brauchst keine KI, keine Automatik, du musst nur wissen wie’s geht! Das kann man lernen. Frühe Kameras hatten nicht mal einen Belichtungsmesser, eine einfache Hassi bis heute nicht. Was die Geräte ausdifferenziert sind „Features“. Schneller Autofokus, Serienbildfunktion, Datenfernübertragung. Gab’s früher alles nicht, gute Bilder gab es trotzdem. Was dem auch sei, sie können entscheiden ob eine Aufnahmesitzung so ausfällt wie sie soll.

Warum nun kein Handy nehmen? Die Kameras in heutigen Smartphones sind optisch sehr gut. Sie haben alle nur dasselbe Problem. Die Aufnahme macht nicht der Fotograf, die macht eine App, und mit der nächsten Version dessen kann das Ergebnis ganz anders aussehen. Die Aufnahme ist also nicht wirklich reproduzierbar. Das ist in der Fotografie ein großes Problem, wenn Ergebnisse bei ansonsten gleichen Bedingungen unterschiedlich ausfallen. Fotografie ist grundsätzlich angewandte Physik, und keine andere Form von Glücksspiel. Wenn du mit einem Handyfoto zufrieden bist hast du Glück gehabt. Das Ergebnis ist real weder planbar noch wiederholbar. Mit einer DSLM oder DSLR und RAW-Fotos hat man immer das, was der Sensor gesehen hat. Ohne Interpretation. Die nimmt der Fotograf hinterher mit einer speziellen Software vor. Die arbeitet „verlustfrei“, verändert also nicht das Original. Er kann immer wieder zum Original zurück, wenn er es für nötig hält, und die Ausarbeitung erneut vornehmen bis das Ergebnis so ist wie er es sich vorstellt. Nenne mir wer ein Handy das Rohdaten kann. Solche mag es derweil geben, ich kenne keins. Es kommt da aus Speicherplatzgründen regelmäßig ein JPEG bei raus, und das Format ist ein Problem. Es kann nämlich nur 8 Bit, also 256 Farben statt derer Millionen. Zunächst siehst du das nicht, wenn du nur das Endergebnis kennst. Du komprimierst dir da aber die Qualität weg, wegen der du das Bild ursprünglich gemacht hast. JPEG ist ein Archivformat. Man kann Bilder so ablegen, wenn die Bearbeitung fertig ist, aber nicht damit machen, solange man etwas ausarbeiten will. Wer gleich in JPEG fotografiert verwirkt diese Möglichkeit! Das Handy ist heute, was früher das Notizbuch war. Man kann damit Ideen sammeln, und kommt mit geeigneter Ausrüstung wieder um das Bild dann zu machen. Sogar einfachere Einsteigerkameras können heute RAW. Das muss Gründe haben.

Wer zu einem fotografischen Ereignis beispielsweise eine Drohne mitbringt weil er, ungeachtet der gesetzlichen Regelungen am jeweiligen Ort, meint damit aus der Luft besondere Perspektiven einfangen zu können wird aber mit Sicherheit eins erregen, das man da nicht immer haben will: Aufmerksamkeit! Alternativ kannst du auch eine lange Leiter nehmen, das tut hier wenig zur Sache. Viele Leute gucken ja schon dumm wenn du nur eine GoPro am Selfiestick mit dir herumträgst. Wer gerne viele Fragen beantwortet kann das so machen. Ich möchte Bilder machen, nicht Vorlesungen halten.

Regelmäßig möchte man eben genau das nicht, die Aufmerksamkeit anderer erregen. Wie der Tourist der sich einfach nur eine Handvoll Erinnerungsbilder von einem schönen Ort mitnehmen möchte braucht fast niemand einen Menschenauflauf. Mit einer kleinen, einfachen Kamera gehst du fast überall als Tourist durch und fällst in der Masse nicht weiter auf. Anders mit einem großen und damit auffälligen Profimodell.

Aufläufe kommen aus dem Ofen, und sollen schmecken wenn sie auf den Tisch kommen. Diese Sorte tut das nicht. Sie rufen eben höchstens die Polizei auf den Plan, wenn da jemand großen Aufbau tätigt. Nicht umsonst müssen gewerbliche Aufnahmen regelmäßig vorher angemeldet werden. Dann wird abgesperrt.

An touristischen Orten wird man auch mit einer DSLM und Zoomobjektiv wie einem EOS R10-Kit in der Masse untergehen und kaum auffallen. Sie ist nur ein Modell unter etlichen mit diesen Eigenschaften. Klein, relativ leicht, und eben unauffällig. Solange die Sonne scheint ist die relative Lichtschwäche eines Kit-Zooms kaum ein Problem. Das mit der Unauffälligkeit ändert sich wie gesagt rasch wenn man zum Beispiel mit einer Hasselblad dort auftaucht. Alleine die Marke steht für Profiequipment. Entsprechend Geld vorausgesetzt kann sich heute jeder Amateur solche Profimodelle im ganz normalen Fachhandel kaufen, aber auch wenn das mit dem Profi nicht zutrifft gilt man dann schnell als Promi. So wie Normalbedarfte auch nicht ohne weiteres zwischen einem Jedermannradrennfahrer und dem Profiweltmeister unterscheiden können, wenn sie ihnen auf der Straße begegnen. Die passende Wäsche kann man ebenso im Fachhandel ohne Nachweis kaufen. Das funktioniert prinzipiell wie beim Hauptmann von Köpenick. Entsprechende Wäsche erzeugt Respekt. Hier die Uniform, da das Trikot. Kleider machen Leute, oder „Haste was biste was, haste nix biste nix!“. Im Guten wie im Bösen. Solche Effekte kann man sich durchaus zum Nutze machen.

Eine Sony RX100, egal welche Auflage, macht ebenso gute Bilder, passt aber in jede Jackentasche. Man muss sich da umständehalber mit den vorhandenen Brennweiten begnügen, kommt aber in vielen Fällen damit durchaus aus.

Noch viel interessanter werden solche Dinge bei Video. Man wird am Ergebnis kaum sehen ob du das Filmchen mit einer TV-Kamera oder mit einer OSMO Pocket aufgenommen hast. Da zählt das Konzept wesentlich mehr. Mit der winzigen Osmo kannst du aber durch die Stadt wandeln ohne Geschrei zu erregen, während das Fernsehen mit der großen 100.000-Euro-Schulterkamera immer schlussfolgern lässt dass etwas Interessantes passiert sein muss. Viele Leute werden die Osmo eher mit einer elektrischen Zigarette verwechseln. Nachteil der Osmo: Du hast effektiv nur zwei Brennweiten, mit denen du klar kommen musst, und das oft auch kannst. Beim Stadtrundgang genügt das regelmäßig, und du brauchst kein Telezoom, das du aus der Hand doch nicht ruhig halten kannst. IBIS hin, IBIS her.

Ich bin Baujahr 1965, wohne in Riedstadt in Südhessen und bin in meiner Freizeit Amateurfotograf, Hobbyfilmer, Drohnenpilot, und eben Blogger. Mir gehört dieser Blog. Wenn es die Zeit erlaubt bin ich auch Radfahrer, Wanderer, Spaziergänger. Naturverbunden, aber nicht politisch indoktriniert. Ich erlaube mir noch selbst zu denken, und sage was dabei herauskommt.

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