Sauerlandrundfahrt 2022

Darf’s ein bisschen mehr sein? Die beim Metzger alltägliche Frage bezüglich Wurst hatte auch im Radsport dieses Jahr eine besondere Bedeutung. Wenn auch eine andere. Da im Rahmen der diesjährigen Austragung gleich mal ein neuer Deutscher Meister bei Männern und Frauen bestimmt wurde änderten sich die Strecken teils ganz erheblich.

Der bislang amtierende Meister Maximilian Schachmann musste aufgrund einer Corona-Infektion passen. Anderen ging vor dem Start der Stift. Das metallisch glänzende Einschreibeformular, eine Obliegenheit vor jedem großen Rennen, machte schon vorab den Eindruck einer Streichliste.
Ich zitiere aus einem Interview des Westdeutschen Rundfunks. Da sagte Rick Zabel: „Man kommt locker auf über 3000 Höhenmeter. Mein Herz sagt ja zu einem Start, aber realistisch gesehen macht das für mich sportlich keinen Sinn. Dafür bin ich einfach zu schwer“. Ohne Mannschaftsunterstützung rechnete er sich offenbar keine reellen Chancen auf den Titel aus.

Aus den original 140 Km von Arnsberg-Neheim auf den Kahlen Asten machte man gleich mal 210 Km bei den Männern bei rund 3000 Höhenmetern. Eine Horrorvorstellung, die noch vor dem Startschuss gestandene Profis zum Rückzug bewog. Gott hat halt vergessen das Sauerland zu bügeln! Dafür stand den ganzen Tag über das Wetter heimlich im Fokus, aber es hielt. Standen die Schauer und Gewitter immerzu am Horizont, blieb es auf der Rennstrecke trocken – genau bis eine Minute nach Ende der Siegerehrung! Aber selbst da fiel nicht wirklich soviel dass die Abfahrt nass wurde.

Die Damen drehten indessen ihre Runden rund um Siedlingshausen, kamen so auf rund 130 Km Streckenlänge, immer noch auf gut 1500 Höhenmeter bis auch sie ihr Ziel auf dem Kahlen Asten fanden. Auch bei ihnen kam nicht viel vom gestarteten Feld an.

Beim Männerrennen ging es pünktlichst los. Punkt 10:23 Uhr knallte die Pistole des Bürgermeisters. Grund für die Eile war die Deutsche Bahn. Noch im Stadtgebiet von Arnsberg wartete ein Bahnübergang, und der Zeitplan war auf dessen Schließzeiten abgestimmt.

Der erste steile Anstieg kam noch im Stadtgebiet von Arnsberg – der Schloßberg. Das war aber noch gar nichts gegenüber der bald darauf folgenden zwei Passagen der Wand von Hirschberg – einem 33% steilen Fussweg, den selbst Motorräder nur mit Mühe bewältigen konnten. Dort war ein Volksauflauf, wie ihn Radsport-Deutschland schon sehr lange nicht mehr gesehen hat. Dicht an dicht standen die Reihen von unten bis oben hinter der Kurve auf die Hauptstraße, auf der es in leichtem Gefälle wieder aus dem Dorf raus ging.

In der ersten Durchfahrt nahm man oben die Bergwertung ab, ein wahrlich passender Ort, und ein einträglicher noch dazu. Miguel Heidemann wuchsen Flügel, so wie er in dieser Steigung gestandene Konkurrenten überholte und sich das 500-Euro-Scheckbuch sicherte! Das muss erst mal wer nachmachen.

Im weiteren Verlauf bildete sich eine erst fünf- später dreiköpfige Spitzengruppe, die auch noch zerfiel. Die Worldtour-Profis liessen den Bundesligafahrern keine Chance und sorgten früh für klare Verhältnisse. Dementsprechend sah man noch in Hirschberg ganze Pulks von KT-Fahrern, die ausgestiegen waren und auf direktem Weg ins Ziel fuhren. Das waren nach meinem Tacho gut und gerne 48 Kilometer Landstraße. So viele wie ich unfreiwillig überholt habe schätzungsweise ein gutes Drittel des ganzen Feldes. Die waren sauer! Und frustriert. Sie sollten vielleicht auf sich selbst konzentrieren und nicht die Fotografen verantwortlich machen. Nur waren da halt kaum andere Blitzableiter da. Ansprechbar war keiner von denen im Ziel nach dem Rennen. Nichts wie weg! Da standen sie zusammen und bauten Wagenburgen. Realistisch betrachtet hatten die Jungs dazu gar keinen wirklichen Grund. Sie sind nach ihren Möglichkeiten gefahren, und das großteils sogar sehr gut. Es kann nur einen Meister geben, und nach dem zu urteilen was da am Start stand war der Fall recht früh klar wer da in der engeren Wahl stand und wer nicht. Das Sauerland ist bekannt für seine Berge und Täler, kaum ein Kilometer Straße ist dort gerade. Selbst der Schwarzwald kann es damit insgesamt nicht wirklich aufnehmen. Der ist zwar auch gebirgig, aber eher lang und hügelig, nicht giftig wie das Sauerland.

Ich bin von Hirschberg aus direkt ins Ziel gefahren. Es war schon ein auf die Minute geschneiderter Zeitplan, rechtzeitig von Neheim nach Hirschberg zu kommen. Zum Ziel galt es, da rauf zu kommen bevor die Damen einfuhren. 20 Minuten vor Eintreffen des Feldes wurden die Straßen gesperrt. Den Holländer vor mir haben sie schon nicht mehr durchgelassen, mir half meine Akkreditierung. Ein Eile-mit-Weile-Spiel der besonderen Art. Kaum auf dem Parkplatz wurde es hektisch. Auch andere Fotografen trafen ein und suchten einen guten Standort. Viel Platz war da nicht im Ziel, auf einer Straße die selbst kaum breit genug war für ein Auto sollten neben einem eventuell sprintenden Feld auch noch gut 20 Fotografen Platz finden. Es passte! Es passte weil sich das Feld so zerlegt hatte dass kaum mehr als zwei auf einmal die Meisterschaft unter sich entschieden. Der Rest traf ein wie ein tröpfelnder Wasserhahn. Hut ab vor jeder und jedem der da teilgenommen hat!

Das Ergebnis bei den Damen hiess dann Liane Lippert vor Ricarda Bauernfeind und Nadine Gill.

Danach begann das Warten auf die Männer. Zwei Stunden sollten vergehen bevor das Ziel wieder den Grill ablöste. Dann kam Nils Pollitt! Der junge Kölner Profi in Diensten von Bora-Hansgrohe zelebrierte förmlich seinen hochverdienten Sieg!

Vor der eigentlichen gemeinsamen Siegerehrung für Männer und Frauen wurde das Geld verteilt. Hier hatte Miguel seinen Auftritt, alleine deshalb wäre es die Anstrengung wert gewesen. Was dann bei den Männern folgte darf getrost als Inszenierung bezeichnet werden. Erst die normale Siegerehrung, dann das obligatorische Foto vorne.

Dieses Foto kennen viele sicher schon aus der Zeitung. Siegerehrung für Nils Pollitt, Nikias Arndt und Simon Geschke.

Zum Abschluss gab es jedoch noch einmal kurz verwunderte Gesichter. Das Rennen im Rennen, das als Meisterschaft nicht für die Radbundesliga zählen sollte, war aber eben genau das – ein Rennen der Radbundesliga! Was sonst sollte eine Ehrung für den besten Nachwuchsfahrer, und so weiter? Da standen dann drei Jungs in bunten Hemden auf dem Treppchen und sahen sich an als ob sie nicht recht wüssten was sie davon halten sollten.

Die offiziellen Ergebnisse sind hier. Wer will kann sich ein paar Szenen aus dem Rennen hier anschauen:

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Das Video (ca. 15:30 Min.) zeigt Szenen vom Start in Neheim, der Hirschberger Wand und vom Ziel auf dem Kahlen Asten.

Auch dieser Beitrag braucht einen Schluss. Kommen wir noch kurz zu einem technischen Detail. Kaum eine Personengruppe ist konservativer wie Fotografen! Was sich bewährt hat hat sich bewährt, das macht man schon lange so, und eben nicht anders?

Wirklich? Nun, auch die Technik geht mit der Zeit, und man muss als Medienschaffender jedes Mal neu entscheiden was sich für eine bestimmte Aufgabe jeweils besser eignet. Nur das Ergebnis zählt, nicht der Weg da hin. Für Onlinemedien braucht man keine Wandtapeten, und so bin ich auf die Idee verfallen zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Ich habe meine GH6 mitgenommen und Clips gedreht. 4k120p. Groß genug um selbst für den Druck zu taugen, viel genug mit 120 Bildern die Sekunde damit auf jeden Fall was brauchbares dabei war, und Bilder bekommt man indem man hinterher per Software die Clips ausliest. Das ist zwar etwas aufwändig, aber wirksam. Ihr seht es weiter oben. Alle Bilder in diesem Beitrag einschließlich dem Titelbild sind so entstanden.

Die Kamera hat einen Stabilisator, der nach Herstellerangaben 7,5 Blendenstufen halten kann, und das stimmt, sonst könnte man nicht mit Aussicht auf Erfolg ein 50-200mm-Objektiv aus der freien Hand auf den Zieleinlauf ansetzen. In Kleinbild umgerechnet entspricht das einem 100-400mm, und ist damit noch lange nicht das Ende der Fahnenstange, was das MFT-System da für vergleichsweise kleines Geld zu bieten hat. Diese Ausrüstung hat nicht mal das gekostet was z.B. Canon heute für entsprechende Aufstellungen als Anzahlung aufruft!