DM EZF Marsberg 2022

Contre la montre – der Kampf alleine gegen die Uhr. Das Einzelzeitfahren ist im Radsport eine ganz besondere Disziplin! Die Ergebnisliste liest sich wie das Who-is-who des deutschen Radsports. Aber was sagt das aus? Nicht unbedingt das, was gestern allgemein darunter verstanden wurde! Was da sonst noch so war lest ihr hier!

Zu Anfang erst mal das, worauf alle warten: Der Nachfolger von Tony Martin heisst Lennard Kämna.

Auch in den anderen Klassen gab es Favoritensiege. Die U23 gewann Maurice Ballerstedt, bei den Frauen verteidigte – trotz Sturz – Lisa Brennauer ihren Titel. Da war aber noch ein bisschen mehr …

So habe ich leider vergeblich nach einem Ergebnis für die U23 der Frauen gesucht. Die Tabelle fehlt. Das gleiche gilt für das Nachwuchssichtungsrennen, mit dem der DM-Tag begonnen wurde. Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen: An einem „hundsgewöhnlichen“ Freitag beraumt der Bundestrainer den Aussagen des Sprechers zu folge ein Rennen an, an dem laut Meldeliste zuerst acht und tatsächlich dann noch weniger junge Damen teilgenommen haben. Was macht der Rest? In dem Alter steht man entweder in der Ausbildung, hat Schule oder geht einem Beruf nach! So kurzfristig unter der Woche irgendwo in Deutschland an einem Rennen teilzunehmen ist Normalverbraucherinnen garnicht möglich. Was also sagt ein solches Ergebnis überhaupt aus?

Es macht wenig Sinn in eine Diskussion über Verantwortlichkeiten einzutreten, und wer da was hat haben wollen. Fakt ist, dass die Streckenführung diskussionswürdig war. Das sehe nicht nur ich so. Unmittelbar vor dem Ziel war ein langgezogenes S aus zwei 90°-Kurven auf Kopfsteinpflaster eingebaut, bei den dort gefahrenen Geschwindigkeiten absolut nicht ohne Risiko. Die Folgen blieben nicht aus. Das Problem der Haftreibung kennen wir aus der Physikstunde, und wer sich an dieser Stelle bei der Zieleingangskurve auch nur leicht versteuerte landete unsanft in der Absperrung. Abruptes Bremsen auf Haut – schmerzhaft! Was womöglich geschehen wäre wenn es zu den angekündigten Unwettern gekommen wäre – man möchte lieber nicht daran denken! Wie gesagt durfte auch die bisherige und jetzt wieder Meisterin der Frauen, Lisa Brennauer, diese Erfahrung machen. Aber nicht nur sie.

Man darf durchaus sagen dass diese Kurve das Ergebnis teilweise erheblich mitbestimmt hat, blieb doch manchen Favoriten die Bekanntschaft mit ihr nicht erspart. Da darf man durchaus die Frage stellen: Wollte man das bewusst so haben? Warum hat man nicht das Ziel auf die schnurgerade geradeaus führende Straße gelegt? Das hätte im Nachhinein betrachtet manche weiteren Probleme erspart!

Zu einer anderen Zeit an einem anderen Ort hätte die Vermutung nahe gelegen, der Kurs sei einem der Favoriten auf den Leib geschneidert worden! Ein Zeitfahren alleine ist schon „etwas Talentsache“. Manche sind von Natur aus gut darin, andere weniger. Manche sollen Räder genutzt haben, die zwar schwerer seien als eigentlich nötig, dafür aber stabiler. Wozu braucht man bei einem Straßenkurs ein stabiles Rad? Anderthalb Kilo sind in diesen Bereichen eine ganze Menge Holz, und so ein Nachteil muss irgendwomit aufgewogen werden. Wenn man nun mit solchen Schikanen die ausbremst, die gewöhnlich auf der Geraden schnell sind, sind hinterher womöglich andere vorne? Das ist und bleibt aber unbewiesene Spekulation. Dieser Aspekt wurde aber von anderen am Ort heiss diskutiert.

Ich möchte weder der Stadt Marsberg noch dem Veranstalter Vorwürfe machen, aber insgesamt lief gestern nicht alles optimal, und bin so frei meine Eindrücke zu schildern. Hinterher ist man ja immer schlauer.

Das Beste, was ein Fotograf bei so einer DM hätte tun können, wäre gewesen sich irgendwo einen Platz im Schatten bei gutem Licht zu suchen und die Jungs und Mädels zu sich kommen zu lassen statt sich an Start und Ziel abzumühen ohne echte Aussicht auf Erfolg! Irgendwo da draussen in Wald und Feld, bloss nicht in der Stadt! Durch diese hohle Gasse müssen sie kommen! Nicht nur Tell kam zu dieser Erkenntnis. Start und Ziel, das waren gestern zwei verschiedene Orte, und es war von Anfang an klar dass man nur eins davon im Kasten haben konnte. Starts oder Zieleinläufe mit Siegerehrungen. Nicht beides! Zeitüberschneidungen haben sehr viel kaputt gemacht.

Die Siegerehrungen hat man wohl bewusst so gelegt. Der ganze Renntag war als Volksfest ausgestaltet, was die Gäste auf dem Kirchplatz sicher gefreut hat, und dabei wohl auch die Wirte, aber ganz sicher nicht die Medien. Von denen erwarten manche ja Wunder, auch wenn man wissen kann dass auch der beste Fotograf nur an einem Ort zugleich sein kann. Der soll aber optimalerweise gute Portraits neben Startszenen, Zieleinläufen, Eindrücken von der Strecke und die ganz wichtigen Siegerehrungen mitbringen. Das, liebe Leute, geht so nicht!

Um alles abdecken zu können hätte eine Agentur mindestens zehn Mann gebraucht. Einen beim Start, einen im Ziel, einen nur für Siegerehrungen und Interviews, zwei bis drei auf Strecke, und der Rest sorgt als Läufer dafür dass die Bilddaten von den Aussenstellen ins Pressebüro kommen und verteilt werden können. Ein Wahnsinn! Wir sind in Deutschland, dem Land wo man gar nicht daran zu denken braucht in Wald und Flur Netzzugang zu bekommen, der tauglich genug wäre für mehr als Surfen. Fotografie ist eine datenintensive Anwendung, Videostreams noch viel mehr. Diesen Aufwand treibt natürlich keiner, der sein Geld alternativ auch mit Fussball verdienen kann, wo die Pressewarte die Berichte mundgerecht servieren. Warum sind die Zeitungssportseiten nun voll mit Fussball bis hinunter in die Kreisklasse statt überregionalen Berichten über Radsport? Man darf es sich denken.

Wer war da überhaupt gekommen? Grob gesagt nur die üblichen Verdächtigen! Das Fernsehen wurde nicht gesehen. Das alleine sagt doch schon eine ganze Menge!

Was sich draussen auf dem langen Rundkurs ereignet hat kann ich euch nicht sagen. Das bekommt man in der Stadt nicht mit. Sie fuhren davon und kamen irgendwann wieder. Das war’s was man sieht, und dabei blieb es auch nach dem Zieleinlauf. Wie gekommen so zerronnen. Den Sportlern kurz ein paar Fragen zu stellen war unmöglich!

Der Kurs war auf jeden Fall extrem selektiv, begann er doch schon unmittelbar hinter dem Start mit einer langen schweren Steigung. Schon in der Stadt ging es quasi erst mal den Berg hoch. Insgesamt darf man den Kurs als sehr schwer bezeichnen, und was Bilder angeht waren die Teams mit eigenen Fotografen klar im Vorteil. Die machten teilweise, was selbst akkreditierte Medienvertreter nicht durften! Es war schlussendlich egal, ob man akkreditiert war oder nicht. Einigen hatte man die typischen lilafarbenen Westen gegeben, anderen nicht, und so wie die Ordner mitunter reagiert haben war es denen auch herzlich egal was man da für Kärtchen um den Hals trug. Es war wieder Tag der „Könige für einen Tag“. Die Einrichtung war so dass effektiv die Fotografen keine günstigeren Positionen besetzen konnten als das ganz normale Publikum auch, was in meinem Fall erheblich zum Misserfolg beigetragen hat! Das wäre erwartbar gewesen, hätte man sich dazu vorab mal Gedanken gemacht, was offenbar nicht der Fall war. Lichtrichtung ist kein Zufall, und die Bedingungen an einem solchen Tag sind vorhersehbar. Man kann das wortwörtlich berechnen!

Vergleichbares dann im Ziel. Man hatte quer über den Kirchplatz eine Schneise geschlagen, und zuletzt sogar den Fotografen verbieten wollen ihre Arbeit zu machen! Wie kann das sein, dass Funktionäre ohne diesbezüglichen Sachverstand hier Anordnungen treffen? Man hat da selbst Fotografen mit Weste davongejagt – und wundert sich wohl anschließend darüber wenn bald gar keiner mehr kommt. Der Zuspruch war teilweise erbärmlich, wenn ich da an frühere Meisterschaften denke! Wie gesagt, wer sich draussen im Feld einen schönen schattigen Platz mit gutem Licht gesucht hat hatte hinterher bessere Bilder. Keine Rede davon, dass angeblich der BDR im Vorfeld deutschlandweite Nachfrage erwartet hat. Man darf da bald froh sein wenn die Lokalmedien sich noch dafür interessieren, wenn man da nicht sehr bald was Grundlegendes ändert!

Solches Allerlei hat man dann auch an Details erfahren wie der Startliste. Die Startzeiten kamen am Donnerstag Abend um 21 Uhr! Das war weit nach jedem Redaktionsschluss, aber ist eine wichtige Arbeitsunterlage, weil sich daraus entscheidet wann man wo zu stehen hat. Die Leute warten nicht! Sind die zu schnell warst du zu langsam. Wenn Teammanager die Presse nach ihren Startzeiten fragen muss sich die Orga Fragen stellen, und sie haben gefragt.

Wir werden morgen, am Sonntag, sehen ob man da in Klausur gegangen ist, oder ob man da weitermacht wo man gerade aufgehört hat. Es geht hier nicht um meine Person. Es geht um Grundsätzliches. Man will sich in Ergebnissen (Berichte, Bilder, Videos) sonnen, die man zuvor aktiv behindert hat!

Das geht so nicht!

Wer da etwas genauer hingeschaut hat kann bemerkt haben, dass auch im Hintergrund wohl der eine oder andere Vulkan kocht. Schauen wir uns beispielsweise mal dieses Siegerfoto an. Die Ehrung der Männer. Schauen so fröhliche Sieger aus? Eher nicht. Das haben wir schon freundlicher gesehen. Man kann wohl eher davon ausgehen dass die sich sehr beherrschen mussten sich nicht gegenseitig oder anderen an die Wäsche zu gehen! Wie ist denn der Umgang im Vorfeld gewesen? Es gab ausgewiesene Teamparkplätze. Da hat man aber kaum eins der großen Teams gesehen. Die haben sich fast alle irgendwo versteckt! Auf dass sie niemand findet. Eins davon fand ich zufällig hinter dem Bahnhof. Was waren mögliche Gründe dafür? Man beschreibt solches Verhalten auch gerne als „Graf Goks von der Gasanstalt“ – wir sind wir und uns kann keiner. So ungern wie man da auch begründete Fragen beantwortet muss da was a la „Leiche im Keller“ sein. Dieses Verhalten ist recht typisch, immer zu beobachten wenn irgendwas unangenehm ist, und ist seit den damaligen Dopingskandalen weit verbreitet. Davor hatte man sich gerne so ausgebreitet wie möglich den Fans präsentiert. Warmfahren in Reih und Glied. Heute? Kein Kontakt zu den Fans, niemand soll Fragen stellen. Offiziell tut man fokussiert. Das Rennen sei wichtig. Das ist wohl aber eher nur die Tapete zur nassen Wand! Sportfreunde gehen anders miteinander, und vor allem mit dem Publikum, um. Nicht das „Lasst uns in Ruhe!“. Wie war das denn schon vor Jahren, als Betreuer eines der großen Profiteams die Fotografen vertreiben wollten mit Sätzen wie „Zuviel Presse hier!“? Hat da wer Angst dass jemand Dinge sehen oder hören könnte die er oder sie tunlichst nicht sehen oder hören soll?

Die Erwartung ist da eine andere, und so darf es nicht wirklich wundern wenn von Ausnahmen abgesehen das Publikum zuhause bleibt. Wirkliche Ansammlungen von Zuschauern gab es nur an Start und Ziel, sonst war da nicht viel los. Ich kann nur darauf hinweisen dass sehr düstere Zeiten auf den deutschen Radsport zukommen könnten wenn er sich seine Arroganz nicht sehr nachhaltig abgewöhnt!

Das Publikum freut sich über Offenheit, nicht über ein Versteckspiel.