Radrennen am Königstor

Der Große Preis von Kassel, oder das Radrennen am Königstor, fand nach coronabedingter zweijähriger Pause nun wieder statt. Ich werde anschließend meine Eindrücke schildern, auch wenn mir klar ist dass gleich wieder wer einen Herzanfall bekommen dürfte!

Es wäre gehässig, das Ganze ein potjemkinsches Dorf zu nennen. Ihr wisst schon, schöne Fassade, maroder Inhalt. Das trifft es beileibe nicht. Aber es ist doch nicht alles Gold was glänzt. Da gab es so einiges drumherum.

Das begann schon bei der Anreise. Von mir aus besehen liegt Kassel ja am anderen Ende Hessens. Von Süd nach Nord, sozusagen. Mit dem Bahnhof Wilhelmshöhe hat Kassel einen Anschluss an das Fernbahnnetz, und was läge näher als mit dem Zug da hin zu reisen? Die Bahn kommt, oder auch nicht. Das Hauptproblem der Bahn ist deren inzwischen sprichwörtliche Unzuverlässigkeit! Ich wäre abends mutmasslich nicht wieder heim gekommen, auch wenn das Rennen nach Auskunft des Veranstalters von der Zweiradgemeinschaft Kassel rechtzeitig fertig geworden wäre. Aber – die Bahn baut! Da kurzfristig mitgeteilt wurde dass die Strecke von Fulda nach Würzburg – der andere Ast meiner Verbindung nach Frankfurt – für Bauarbeiten gesperrt werde und somit der ganze Verkehr über eine eh schon überlastete Strecke umgeleitet werde, war eben damit zu rechnen dass es hier – gelinde gesagt – zu gewissen Unregelmäßigkeiten kommen könnte, gleichbedeutend mit einer Durchschlageübung im klassischen Sinn. Darauf hatte ich nun wirklich keine Lust! Also habe ich mich auf das besonnen, was draussen vor dem Haus parkt. Es war eine gute Entscheidung! Kostenmäßig hält es sich die Waage, und das Auto fährt. Wann und wohin ich will, und es sollte sich herausstellen dass das an diesem Abend Gold wert war.

In Kaufungen gibt es eine Haltestelle mit dem Namen „Papierfabrik“. Daran angeschlossen ein Parkplatz, und der war leer! Ich habe meinen Augen nicht getraut! Sonntags ein völlig leerer Parkplatz direkt an der Autobahnausfahrt – das wäre bei uns unvorstellbar. Nein, kein Fabrikgelände. P+R!

Die Tram kam gleich, und das Neuneuroticket hatte ich sowieso. Also sozusagen einmal frei parken in Monopoly. Sie brachte mich mit einer kurzen Pause am Königsplatz direkt zum Rathaus, und die Rennstrecke lag dort gleich gegenüber. Einmal um den Häuserblock und man stand am Start. Besser geht das nicht.

Als ich ankam lief gerade das Rennen der Masters3. Es folgte das der Masters4, bevor es nach meinen Plänen mit den Amateuren losgehen sollte. Es war rückblickend richtig, es mit einem Video zu versuchen. Andere Fotografen waren genug da. Die Stadt hat für das Rennen sogar die Wilhelmshöher Allee gesperrt, eine breite Ausfallstraße. Sowas wie die AVUS in Berlin. Also gab es mindestens einen Zuschauer – Herkules!

Der stand da oben auf seinem Sockel und betrachtete sich die Welt. Tagein, tagaus. Leider gab es sonst nicht gerade viel Zuspruch, was nicht am Ort gelegen haben kann. Wie gesagt, die Anfahrt dorthin war leicht und problemlos machbar. Woran also mag es gelegen haben dass kaum Zuschauer gekommen waren? Am Rennen lag es nicht. Soviel darf man sagen. Vielleicht sind es Nachwirkungen der Corona-Verbote. Natürlich sagt sich irgendwann jeder, der sich nicht mehr willkommen sieht, dass es auch andere Möglichkeiten gibt seine Freizeit zu gestalten. Ich will es nicht anders ausdrücken, sonst müsste ich unhöflich werden.
Liebe Politiker, da habt ihr der Gesellschaft einen eingeschenkt!

Es gab allerdings auch noch andere Punkte, die man hier ansprechen muss und die schlussendlich dahin geführt haben dass für mich nach dem Amateurrennen Schluss war, auch wenn ich mir die Damen, die Junioren und die Elite gern noch angesehen hätte. Dazu aber sollte es nicht mehr kommen.

Man kann einen Dampfkessel trocken heizen. Sollte man zwar nicht, denn er fliegt einem dann gern um die Ohren. Aber man könnte. Es war heiß an diesem Sonntag. Schon am Nachmittag zeigte das Thermometer Temperaturen um die 28°C. Da blieb man gerne im Schatten.

Fehlanzeige gab es leider bei der Verpflegung! Keine Rennwurst, null Getränke! Die angebotenen Crepes mögen gut gewesen sein, für einen Diabetiker wirken kohlehydratreiche Süßspeisen aber wie die Flasche Wodka auf einen Alkoholiker. Nicht ratsam! Da es wie gesagt nicht mal Wasser gab trat der oben beschriebene Effekt mit dem Dampfkessel ein. Mir wurde schwummrig! Wenn du kaum noch gradaus denken kannst wird es Zeit, einzusehen dass du was tun musst. Also erst mal taktischer Rückzug in den Schatten. Sonntags gab es in Kassel nicht mal einen offenen Kiosk. Also keine Getränkeversorgung! Keine!

Die Streckenposten hatten derweil für sich selbst gesorgt. Da stand neben dem Zielrichterwagen ein Wohnwagen älterer Bauart, und daneben ein Grill! Den roch man drei Blocks weit. Du schiebst Kohldampf und hast Durst, und da sitzen die und essen dir was vor! Psychoterror! Hinzu kamen schon vorher offenkundige Bekundungen aus diesem Kreis, den man getrost als Unerwünschtheitserklärung beschreiben darf. Wer im Schatten der Bäume im Lehnstuhl sitzt hat nicht zu verlangen dass die wenigen Zuschauer auch noch die Sichtachsen freihalten, weil man das für seine Arbeit brauche. Da darf gleich gesagt werden: Ihr seid hier nicht erwünscht! Und damit wäre wohl auch klar warum das Publikum weg geblieben war. Das dürfte eine Sache aus Erfahrung sein. Nonverbal war diese Sorte Kommunikation nicht mal, deutlich war sie!

Bei der Siegerehrung der Amateure kam dann von Betreuern auch noch so ein befremdlicher Satz: „Du hast jetzt genug Bilder!“

Könnt ihr überhaupt beurteilen wie mein Filmkonzept ausgesehen hat? Ihr könnt ja offenbar nicht mal eine Filmkamera von einem Fotoapparat unterscheiden! Ein Handy war es nicht. Soviel kann jeder bei Dunkelheit erkennen, aber sonst? Solche Leute können Reifen wechseln, aber keinen Film drehen! Das zeigt ihr Geschwätz und dessen Art nur allzu deutlich. Da ist nämlich etwas mehr zu beachten als auf einen Knopf zu drücken. „You press the button, we do the rest“? Der über hundert Jahre alte Werbespruch von Kodak gilt hier nicht.

Wenn man da also offenbar nicht erwünscht ist muss man das einsehen – und gehen!

Das Video ist 12 Minuten lang geworden und bei Youtube zu finden. Auf Kommentar habe ich verzichtet.

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Nach dem fliegenden Start dauerte es keine fünf Runden, bis sich das Feld zerlegt hatte. Da fuhren vier Grüppchen um die vier Ecken, und es dauerte auch nicht lange bis die Spitze die Nachzügler eingeholt hatte. Im Rennverlauf gab es mehrere Rundengewinne, und die zählen mehr als Punktgewinne in den Wertungssprints, mit denen üblicherweise ein Kriterium entschieden wird. Für Aussenstehende ist es spätestens ab Rennmitte schwer zu verfolgen, wer in welcher Runde ist und wer in der Wertung vorn liegt.
Nach etwa zwei Dritteln des Rennens hatte einer einen Defekt. Erst klapperte das Hinterrad, dann kam die Defekthexe mit einem Schleicher um die Ecke. Den daraus folgenden Dialog könnt ihr im Film nacherleben. Es nützt nichts zu diesem Zeitpunkt in den Punkten zu führen, auch nicht mit genug Abstand, wenn man ausscheidet. Dann sind die Punkte futsch.

Das ganze Rennen war ursprünglich auf 60 Runden ausgeschrieben, dauerte dann aber doch „nur“ deren 55. Warum? Man war etwas in Zeitverzug, nachdem es bei einer Einlage der Kunstradsportler zu einem Crash gekommen war und der Sani tätig werden musste. Ich weiss nicht ob ich das hier ausbreiten soll, es fällt unter aufmerksame Fahrweise und Streckensicherung, wenn da noch ein Teilnehmer des vorherigen Rennens auf dem Kurs ist und man schon die Nächsten raus lässt. Unschöne Szenen, weinende Kinder. Währenddessen stand das Feld der Amateure etwa fünfzig Meter abseits und wartete auf das was da kommen sollte.

Für mich kam dann wie gesagt die Tram, die mich mit Umweg über ein Wasserhäuschen zu meinem Auto zurück brachte.