Statt Theater

Gießen – „Wir machen Theater!“

So stand es an den Autos angeschrieben, die da gestern kurz hinter dem Ziel parkten.

Sie gehörten zum Gießener Stadttheater, und das Motto passte irgendwie auch auf das Radrennen, das dessen Namen trägt und gestern erneut auf dem bekannten 800-Meter-Rundkurs in der Gießener Innenstadt ausgefahren wurde. Start und Ziel lagen vielsagend geradewegs zwischen Sparkasse und Altenheim. Was will uns der Autor damit sagen???

Ganz großes Kino war das, was da gestern den ganzen Tag lang geboten wurde! Ein attraktiver, kurzer Rundkurs mit bis zu 70 Runden Rennsport, was will man mehr?

Musste man zwischenzeitlich den Atem anhalten, ob das Wetter hielt, blieb es aber dann doch trocken. Andernfalls hätte man erneut wie vor einigen Jahren mit einem „Spiel ohne Grenzen“, sprich einer glatten Fahrbahn und Stürzen, rechnen müssen. Diese Fahrbahn hatte es ohnehin in sich, war doch bei der letzten Renovierung in die gestrige Zielgerade noch ein „Sprunghügel“ eingebaut worden. Auch wenn eine solche Konstruktion normalerweise zur Tempominderung dient führte er gestern doch eher zum zeitweisen Abheben des Begleitfahrzeugs, das dem Feld vorne weg fuhr, was des Tempos wegen eher an die Rallye Monte Carlo erinnerte. So verlief der Renntag ohne Zwischenfälle oder ernsthafte Probleme, wenn man mal von den „Gleislatschern“ absieht, die den Ordnern immer wieder Arbeit bescherten, weil sie sich einfach nicht an Anordnungen halten wollten und dann auch noch zu diskutieren anfingen. „Ich bin aber doch schon immer …“

Gerade in Coronazeiten darf man das, was sich da Hygienekonzept nennt, getrost als eine Form von modernem Theater bezeichnen, vor allem hinsichtlich seiner Folgen und Auswirkungen. Es spricht ja nichts gegen die gute Absicht, aber die Wirkung verkehrt sich doch gerne mal unversehens in ihr Gegenteil. Im Rennen ist an Abstand sowieso nicht zu denken. Die sonst üblichen Bratwurststände und Kuchentheken gab es diesmal auch nicht, auch keine Umkleiden oder Duschen, und zwischen den Fotografen, der Jury, den anderen Offiziellen und dem Rest der Welt lag die Fahrbahn. Die ist rund 6 Meter breit und damit für diesen Zweck breiter als genug.

Inzwischen dürfte der Sprecher den Spruch auswendig kennen. Vor jedem der sechs Rennen: „Ihr dürft die Masken jetzt abnehmen!“ und nach jedem Rennen: „Bitte denkt dran sofort nach Verlassen der Rennstrecke eine Maske aufzusetzen!“. Ob die Masken nach dem Rennen noch gebrauchsfähig waren, wenn sie das Rennen über in einer dann wohl eher verschwitzten Trikottasche lagen, darf bezweifelt werden. Auch die Felder wurden peinlichst genau voneinander getrennt. Die nachfolgende Klasse durfte erst zum Start rollen nachdem alle Teilnehmer des zu Ende gegangenen Rennens an einer anderen Stelle die Strecke verlassen hatten. Aufgrund des Hygienekonzepts, das mit den Behörden so vereinbart worden war und die Grundlage der diesjährigen Austragung bildete, ging Verschiedenes nicht so wie es bislang üblich war, und auch sonst hatte die Seuche ihre Auswirkungen. So musste der Bereich an Start und Ziel gesperrt werden und durfte nur von einer begrenzten Anzahl Personen nach namentlicher Anmeldung besucht werden. Darauf hat sich aber nur eingelassen, wer das den Umständen nach auch wirklich mußte. Offenbar herrscht doch ein gewisser Vorbehalt im Hinblick auf den Datenschutz. Ob das so hilfreich war wenn sich darum die Menschen am restlichen Zaun rund um die Rennstrecke sammelten blieb die Frage aller Fragen. Vor dir die Rennstrecke, und hinter dir will der Stadtbus durch und fährt dir dabei förmlich den Arsch ab? Man kann über Sinn oder Unsinn dieser Bedingungen vortrefflich streiten, aber wie alles im Leben ist auch das der unter den Umständen beste Kompromiß, mit dem alle irgendwie leben können. Auch die Siegerehrungen auf Abstand muteten fast schon grotesk an, wenn sich die Sieger die Medaillen selbst um den Hals hängen. An Stimmung und Freude war da nichts zu bemerken. Hatte man sich letztes Jahr schon über Zuschauermangel gewundert hatte all dies nun fast gänzliche Abstinenz zur Folge. Ein Rennen mitten in der Stadt, und neben den Sportlern war kaum wer da! Auch die Größe der Starterfelder war begrenzt. Es durften maximal 80 Teilnehmer je Klasse am Start sein, und diese Zahl wurde nicht mal immer ausgeschöpft. So belief sich die Zahl der Damen auf eben mal elf. Die eine Hälfte davon bildete das Team der Heimmannschaft RSG Gießen Biehler, mit der Folge dass diese mit der restlichen Konkurrenz Katz und Maus spielten und fast nach belieben gewannen. Das war fast so als wenn in einem Bundesligarennen neben einer Profimannschaft nur Anfänger am Start gewesen wären, womit ich nicht deren Können, aber die Folge von mannschaftsdienlichem Fahren meine. Zwei fahren vorne weg und holen sich Prämien und Punkte, der Rest mauert im Feld und verschleppt das Tempo, um Nachführarbeit zu verhindern.

Es war in der Tat wie in einer nicht unbedingt komischen Oper, was sich da von früh Morgens bis Spätnachmittags zwischen Südanlage und Johannesstraße tat. Ich wäre froh und dankbar wenn wir nächstes Jahr wieder zum gewohnten Modus zurückfinden könnten! Zu eingeschränkt waren doch die Arbeitsmöglichkeiten für Medienschaffende, wenn man sich genau an diese Regeln hielt. Wer sich damit nicht auskennt sei darauf hingewiesen, dass auch Fotografie und Filmerei im Grunde genommen ein Handwerk sind und als solches gewissen nicht allen sofort offensichtlichen Regeln gehorchen, und wer mal in der Sperrzone drin war konnte nicht ohne weiteres beliebig da rein und raus. Ohne ist die Positionswahl auf jeden Fall einfacher.

Den Anfang machte die Jugend. Die U17 startete zusammen mit der U15 und fuhr ein klassisches Rundstreckenrennen auf Endspurt statt wie später die Amateure ein Kriterium mit Wertungen. Im Gegensatz zu Zuschauern kamen die Sportler „aus aller Herren Länder“. Man sah auch solche aus Regionen, die üblicherweise nicht zu einem in der Skala doch eher regionalen Ereignis anreisen. Das ist derzeit anders, und die Sportler freuen sich jetzt über jedes Rennen, das überhaupt noch stattfindet, und sei das am anderen Ende der Republik. Wir haben September, und das Rennen gestern war der Saisonbeginn in Hessen! Es dürfte aber auch zugleich deren Ende gewesen sein, und es hatten auch welche gemeldet, die später dann nicht an der Startlinie gesehen wurden. Nach der Siegerehrung sah man einen, der mit seinem Siegerpreis – einem Pizzagutschein – aus seiner Sicht quasi die Niete der Woche gezogen hatte. Wer von weit weg kam konnte damit leider wenig anfangen. Also suchte er einen Abnehmer. Ob er einen fand? Ich weiß es nicht.

Nach den Rennen der Hobbyklasse und der Senioren 2 und 3 folgte, nun als Kriterium, der Große Preis der Stadt Gießen, auch bekannt als Rennen der Amateure, früher ehedem mal C-Klasse genannt. Was da am Start stand war eine bunte Mischung aus Sportlern, teils unbekannte Namen, teils die Besten ihrer Zunft.

Stille Wasser sind tief! So heisst es, und der Spruch darf gerne auf den Radsport übertragen werden. Nicht jeder hatte eine etwas weiter zurück reichende Erinnerung, und so war Moritz Schütz von der veranstaltenden RSG Gießen und Wieseck für die meisten wohl ein eher unbeschriebenes Blatt. Er war nach drei Jahren Pause nun wieder mit Lizenz am Start und zeigte ziemlich bald, dass er zwischenzeitlich nichts verlernt hatte. Mit seinem Partner Sean Christopher Feldhaus fuhr er nach Belieben vorne weg und degradierte das restliche Feld fast zu Statisten. In diesem Reigen fast unter ging dabei das Feld der Junioren U19, die bei den Amateuren mitfuhren, aber optisch leider kaum in Erscheinung traten.

Ein ähnliches Bild ergab sich zum Abschluß bei den Elite-Amateuren. Nach alter Lesart KT/A/B. Die hier am Start stehenden Teilnehmer hätten jedem Bundesligarennen zur Ehre gereicht, teils waren Sportler aus Profiteams darunter. Auch wenn das Etikett nicht ganz passte, auf den Inhalt kommt es an, wenn man da an Erdinger Alkoholfrei oder andere bekannte Mannschaften auch aus dem Sauerland denkt. Denen hat aber einer die Schau gestohlen. Benedikt Helbig (im Bild ziemlich links am Rand im blauen Trikot) vom Team Embrace The World machte aus dem Rennen eine One-Man-Show, fuhr alleine zwei Überrundungen heraus und holte mit 45 Punkten 10 Punkte Vorsprung auf den Zweitplatzierten, Simon Happel aus Köln.

Nicht weiter ausgeführt werden muss die Tatsache, dass das Tempo von Anfang an hoch gewesen ist und infolge dessen hinten wie bei einem tropfenden Wasserhahn immer mehr weniger starke Teilnehmer erst das Feld und bald darauf auch das Rennen verließen. Wer nicht freiwillig die Segel strich bekam nach Überrundung vom WA die rote Fahne gezeigt. Das waren einige.

Ergebnislisten sind online.

Hier ist mein Video mit Impressionen vom Renntag in vier Teilen:

Teil 1: U15, U17, Hobbyklasse, Senioren 2 und 3:

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Teil 2: Damen

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Teil 3: Amateure und Junioren

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Teil 4: Elite-Amateure

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Fotos habe ich außer denen in diesem Artikel keine! Die Bilder können durch anklicken vergrößert werden. Dann startet eine Diaschau. Es waren aber wie man in den sozialen Medien zweifelsfrei erkennen kann noch genug andere Fotografen da. Handyfotos … quick&dirty! Wie mit Fusel. Erst Hochstimmung, dann Kater. Aber ganz so wie es gewollt ist.