Kassel

In der „Nordhessenmetropole“ Kassel am Rande des Habichtswalds findet der unvorbereitete Besucher allerlei vor, was er dort nicht unbedingt erwarten würde. Das ist keine Stadt wie manche andere. Städtebaulich kam es mir vor wie ein Verschnitt aus ein bisschen Stuttgart, ein bisschen Freiburg, ein bisschen München, … Die Bushaltestellen haben den Charme jener aus München, die Vorstädte sehen aus wie eine Kopie von Günterstal, und es geht auf und ab ohne Unterlaß wie in Stuttgart. Sogar eine Weinsteige gibt es dort.

Es gibt einen Hauptbahnhof, der vom Fernverkehr nicht angefahren wird, aber einen Bahnhof im Bahnhof sein nennt. Darin hält im Tiefparterre die RegioTram, ein Nahverkehrsmodell ähnlich dem in Karlsruhe, nur noch etwas merkwürdiger. Die RegioTram ist eine zu gut gedüngte und davon groß gewachsene Straßenbahn, die auf Gleisen der „echten“ Bahn in die Region hinaus fährt und dabei nicht nur mit dem Strom aus dem jeweiligen Fahrdraht unter Wechsel der Spannung, sondern bei Bedarf auch als Ölofen durch die Gegend fährt. In der Stadt, die sie unter Durchtauchen des Hauptbahnhofs erreicht, hört man sie rechtzeitig kommen, denn die auf Fernbahnverhältnisse dimensionierten Laufräder und Drehgestelle sind für Straßenbahnen reichlich groß und führen in innerstädtischen Kurven zu allerlei Musik. Manche dieser Züge haben auch einen Dieselgenerator an Bord. So kommt dort die Tram bis nach Wolfhagen oder Melsungen, was Entfernungen entspricht, die anderswo Eilzüge zurück legen. Allerdings fahren nicht alle Züge jeder Linie die komplette Distanz, manche machen „halbe Sachen“ und verenden vorher. Ganz planmäßig, man sollte also schauen was da dran steht. Manche Linie hat fahrplanmäßig fünf verschiedene Fahrtziele! Die Taktfrequenz ist auch nicht immer das Gelbe vom Ei. Mit einem 15-Minuten-Takt der innerstädtischen Linien und einem Halbstundentakt des Rests, was im Umland zu einem Zug pro Stunde führt, ist Kassel nicht unbedingt ein Modell für attraktiven öffentlichen Nahverkehr. Das können andere besser. Gut gemeint ist halt nicht immer gut gemacht. Mit den Bussen sieht es kaum besser aus. Aus dem Druseltal fährt halbstündlich ein Bus zum Herkules, aber nur stündlich wieder runter.
Fernverkehrsbahnhof ist „Wilhelmshöhe“ draussen in der Vorstadt. Für den örtlichen ÖPNV gilt, was anderswo zu Missverständnissen führen würde: blau ist ein Zustand! Busse und Bahnen in der Stadt sind zumeist blau angestrichen. Ausnahme bildet die Regio-Tram und die Regionalbusse. Letztere sind rot wenn sie von der Deutschen Bahn betrieben werden.

Es gibt sowieso manches Seltsame in dieser Stadt. So steht vor dem Hauptbahnhof, der sich auch Kulturbahnhof nennt, eine lange Stange mit einem Männchen drauf, das so tut als laufe es da immer hoch und runter. Poledancing auf Documenta-Art. Das ist jene wundersame Ausstellung, die alle paar Jahre die Gegend auf den Kopf stellt und zu deren Hinterlassenschaften man mitunter schon mal fragt:

„Ist das Kunst oder kann das weg?“

Wie die falsche Treppe, die bis vor kurzem noch auf dem Königsplatz herumstand und inzwischen entsorgt wurde, oder der Obelisk, dessen „Umbeheimatung“ vor gar nicht allzu langer Zeit hochkant durch die Presse ging. Heute steht er auf der Treppenstraße. Auch so etwas. Die Treppenstraße befindet sich faktisch zwischen Hauptbahnhofsvorplatz, genauer Scheidemannplatz gleich um die Ecke und Königsplatz, und ist genau das was der Name schon vermuten lässt – eine ziemlich lange Treppe. Die kann man derzeit für einen gewissen Obolus zur Hälfte runter rutschen, auf einer dort während des Weihnachtsmarkts aufgebauten Eisbahn. Nutzen muss sie für eine kleine Wanderung, wer vom Zug kommend die Tram nehmen will, die fährt nämlich nicht zum Hauptbahnhof. Stattdessen nimmt sie die Einkaufsstraße, die vorn und hinten an den Königsplatz anschliesst und an der auch das bekannte Rathaus steht. Einziges schienengängige Nahverkehrsmittel zwischen Innenstadt und Hbf ist eben die RegioTram. Ein Zug etwa alle halbe Stunde. Davon gibt es drei Linien mit theoretisch fünf Nummern. RT1, RT4 und RT5. RT2 und RT3 sind gerade im Sonderurlaub.

Im Gegensatz zu meinem kürzlichen Ausflug nach Melsungen habe ich mich für die Reise nach Kassel für die Bahn entschieden und mir dafür ein Hessenticket besorgt. Kassel gilt zwar als „Autogerechte Stadt“ mit breiten Straßenschluchten, was eine Folge des Wiederaufbaus nach dem letzten Krieg war, aber man darf nicht vergessen dass es auch dort kompliziert ist Parkplätze zu finden.

Viele Wege führen nach … Kassel! Entweder man hat es eilig und nimmt den ICE via Fulda, oder man hat Zeit und kommt mit dem Regionalexpress über die alte Main-Weser-Bahn klar, der von Frankfurt über Gießen, Marburg etc. in zwei bis drei Stunden nach Kassel gurkt. Man kann ihn auch Sardino nennen, der ist gut voll! Freie Plätze Fehlanzeige! Glaubt man der Fahrplanauskunft der DB ist man schon „bedient“. Die empfiehlt als günstigste Fahrkarte das hauseigene Quer-Durchs-Land-Ticket und vergisst völlig, dass es noch das Hessenticket gibt, mit dem man vor Ort auch noch den städtischen ÖPNV den ganzen Tag lang ohne Aufpreis nutzen kann. Statt 44 Euro zahlt man da nur 36. Für die acht Euro Unterschied bekam man auf dem Weihnachtsmarkt zwei sehr gute Bratwürste zu je einem halben Meter und noch etwas Rausgeld.

Also bin ich vom Hauptbahnhof die Treppe runter zum Königsplatz gelaufen, das sind etwa 500 Meter, habe mir das Zentrum angesehen und anschließend die „1“ nach Wilhelmshöhe genommen. Was man dort findet nennt sich völlig zu recht Bergpark. Der räumliche Weg vom Endpunkt der Tram bis zum Herkules ganz oben auf dem Berg beträgt in etwa dasselbe wie der Weg von der Innenstadt bis dort hinaus, jeweils Luftlinie. Das sind ein paar Meter. Man kann es sich natürlich auch einfacher machen und ab Bahnhof Wilhelmshöhe, das ist die Fernzugstation in der Mitte dazwischen und von gehässigen Zeitgenossen auch als „Palast der tausend Winde“ verschrieen weil´s dort immerfort zieht, eine andere Linie nehmen, die ins Druseltal hinaus führt. Dort geht halbstündlich ein Bus, der auch am Herkules vorbeikommt. Über die Aussicht von da oben muss ich kein Wort verlieren, siehe Beitragsbild. Wohl aber sollte man den Fahrplan im Auge behalten, sonst kommt man in Zeitnot. Runter fährt der Bus nämlich nur im Stundentakt, was man erst erfährt wenn man oben ist und einen Blick auf den Aushang wirft. Es ist eben „außer Saison“! Man nimmt also denselben Bus gleich wieder runter oder wartet. Im Klartext: Zehn Minuten für einen Sprint zur Aussichtsplattform, Bilder machen und das gleiche wieder zurück. Fünf Minuten die Richtung im Laufschritt ist knapp, langt aber. So man hat kann man aber auch mit dem Auto rauf fahren, es gibt genug Parkraum. Das Oktogon mit der Figur drauf ist jetzt im Winter aber geschlossen und verbarrikadiert.

Fertig wird man mit allen Sehenswürdigkeiten natürlich nicht an einem Tag! Nicht im Entferntesten!

Auf dem Rückweg in die Stadt wollte ich mir noch das Auestadion ansehen. Das ist auch der Endpunkt der direkt aus Melsungen kommenden RT5. Kommt man dort an meint man zuerst, falsch ausgestiegen zu sein! Die Bahn verschwindet hinter einer Kurve, und man steht mitten in einem Wohngebiet. Genau da liegt nämlich dieses Fussballstadion, keine hundert Meter von Wohnhäusern entfernt. Entweder haben die Anwohner eine Engelsgeduld mit dem KSV, oder dieser verteilt gratis Oropax! In der örtlichen Zeitung liest man kein Wort über die woanders zur Tagesordnung gehörenden Lärmstreitereien. Man braucht sich garnicht einzubilden dass man in Kassel kapiert hätte womit man in München ein Heidengeld verdient! Zutritt zur Tribüne? No way! Das alte Olympiastadion in München kann man schon seit Jahren und Tagen durch ein Drehkreuz für kleines Geld besichtigen. Dort rollt der Rubel Tag und Nacht. Hier nicht …

Hinter dem Stadion liegt die Karlsaue, und darin die Fulda. Wie eindeutige Aushänge begreiflich machen gehört das Gelände einer Firma … der Museumslandschaft Kassel. Was woanders ein öffentlicher Park ist wird hier also als Museum gesehen, und es würde gerade noch fehlen dass man wie in Mannheim Eintritt verlangt!

Für weiteres Umschauen reichte mir danach die Zeit nicht mehr, aber für einen kurzen Abstecher über den Weihnachtsmarkt langte es dann doch. Der war sehenswert und verführerisch, aber auch ziemlich voll. Der innerstädtische Nahverkehr wurde großräumig umgeleitet, die Königsstraße abgesperrt und mit den bekannten großen Betonquadern gesichert.

Es war dann gar nicht so einfach, durch den Menschenauflauf hindurch rechtzeitig den Rückweg zum Zug zu finden, denn wie gesagt darf man das alles zu Fuss gehen.

Für einen Ladenbummel war leider diesmal keine Zeit, aber was nicht ist kann noch mal werden. Wenn ich aber noch mal komme dann gewiss mit dem ICE, denn als Fisch in der Dose habe ich mich nicht wohl gefühlt, wenn man Fotogepäck hat! Da zahle ich lieber Aufpreis und habe einen Sitzplatz mit Gepäckablage statt nur einem Klo im ganzen Zug, das auch noch kaputt war.