Ultra-Bike

„Komm her, es ist Zeit, fahr den Ultra-Bike!“
So besingt Annna diesen Bikemarathon mit Zielankunft im Stadion von Kirchzarten. Es ist somit der nach meiner Kenntnis so ziemlich einzige Bikemarathon mit eigener Hymne.

Da niemand gezwungen ist die komplette Runde zu fahren gibt es mehr als einen Startort. So kann man nicht nur in aller Herrgottsfrühe um 7 Uhr in der Fussgängerzone von Kirchzarten auf die Reise gehen, man kann ebenso gut ein Rennen in Hinterzarten oder Todtnauberg beginnen. Es ist ein bunter Blumenstrauß an zur Auswahl stehender Distanzen. So die 109 Km des „Original“-Ultra, die 80 Km des Power-Track, 75 Km im Marathon, 52 Km im Speed-Track oder 39 Km im Short-Track. Daneben neu im Angebot am Samstag vor dem eigentlichen Marathon ist eine Runde für Gravel-Biker über 81 KM und ein E-Bike-Rennen über 81 oder 60 Km. Alle haben eins gemeinsam: das Ziel in Kirchzarten. Wie hiess es dazu so schön? „Was soll man bei E-Bikes vergleichen? Drehmomente? Wattzahlen? Also fahren wir ´ne lustige Runde und haben Spaß – und unterwegs gibt´s was Handfestes zu essen!“
Bier, Weck und Worscht statt Müsliriegel und Selterswasser.

Dieser Ort hat Geschichte. Wer erinnert sich noch an 1995, als eben da die Weltmeisterschaften stattgefunden haben? Das waren noch andere Zeiten! Was damals die Downhillstrecke vom Rappeneck hinunter ins Tal war ist heute zumindest teilweise Bestandteil des Bikemarathons. Darin ebenso kurz vor dem Ziel zwei Brücken und ein Hügel als Einfahrt ins Stadion. Manche nehmen halt mal gern den Hintereingang.

Was sich seit damals geändert hat? Die Atmosphäre ist nicht mehr dieselbe, und statt auf Diafilm macht man seine Bilder heute digital. Allerdings ist die Nachfrage so enorm, dass ein Mehr an Teilnehmern die Veranstalter vor logistische Probleme stellen würde. Zahlen gefällig? Auf gut 4000 Teilnehmer kamen laut Aussage des Veranstalters mehr als 1600 freiwillige Helfer! So viele sind nötig, um so eine Veranstaltung über die Bühne zu bringen. Was mich nur etwas daran wundert: Wenn der Veranstalter das Ehrenamt so herausstreicht, was durchaus seine Berechtigung hat, wieso gründet er dann eine Kapitalgesellschaft als Unternehmensform und gängelt wie andere auch die Interessierten? Oder verfolgt man mit den entsprechenden Passagen einen ganz anderen Zweck? Oder ist sich selbst gar nicht im Klaren darüber was man da geschrieben hat, und wie das wirkt? Lest bitte weiter, ich sage zwei Absätze weiter unten was ich damit meine. Dahinter steht zwar ein Verein, aber man darf den Eindruck bekommen dass es hier ums Geschäft geht, selbst wenn die Überschüsse der Jugendarbeit zugute kommen.

Das war wieder einer dieser irren Sonntage. Man darf sich fragen, wer da die Termine koordiniert. Am selben Tag fanden da in Bolanden in der Pfalz der 53. Große Straßenpreis des Donnersbergkreises ebenso statt wie in Wombach die Deutschen Meisterschaften der Mountainbiker oder eben in Kirchzarten und Umgebung der Ultra-Bikemarathon. Alleine zwei davon sprechen dieselbe Klientel an – die Mountainbiker. So macht man sich gegenseitig nicht nur die Asse streitig, und mindestens einer hat in der Presse schon durchblicken lassen dass er mit dem Meldeergebnis unzufrieden ist. Wenn man gestern dort war muss das wundern, denn mehr als voll geht nicht. Laufen sonst zweimal elf Mann über den Platz war dort gestern oft nicht mal genug Raum zum Umfallen. So viele am Start wäre für andere Veranstaltungen ein Anlaß zum Jubeln. Was man allerdings verbessern könnte wären zwei Dutzend Sonnenschirme in Marktgröße auf dem Rasen und darunter Biertische und Bänke, denn sich auf dem Rasen auszuruhen hat schon was, aber stundenlang in der Sonne zu sitzen geht auf den Kopf. Immerhin waren die ersten Zieleinläufe um die Mittagszeit, die Siegerehrungen aber „erst“ gegen 15 Uhr. Da waren noch lange nicht alle im Ziel!

Bei dem Angebot fällt es schwer, sich zu entscheiden. Eigentlich gibt es immer mindestens eine weitere Auswahlmöglichkeit: daheim bleiben und sich einen schönen Tag machen, oder selbst irgendwo in den Sattel steigen, oder eine Runde laufen. Bei Temperaturen um 30°C selbst auf den Hochlagen des Schwarzwaldes wäre eigentlich Rückzug in den heimischen Keller angesagt. Entscheide ich mich für Bolanden, und es läuft dumm weil die Straße gesperrt wird, dann hiesse das 15 Runden an Start und Ziel in der prallen Sonne stehen und 15 Mal dieselben Bilder alleine im Hauptrennen. Sollte es regnen flüchten alle ins Festzelt – auf dass das Haus voll werde! Wombach hat bei meinem letzten Besuch dort entschieden keine Bilder zuzulassen, indem man den Fotografen das Blitzlicht verbietet, was im Wald einem Fotografierverbot gleichkommt. Da muss man also nicht mehr hinfahren. Und Kirchzarten? Benimmt sich teilweise den Einlassungen nach wie Graf Koks, und wundert sich dass die Anlieger Contra geben! Akkreditieren nur noch gegen Presseausweis und exklusives Bildrecht für den Teilnehmerfotografen Sportograf.com. Ich habe kein Problem damit dass der Teilnehmerfotos macht, aber macht der auch Bildberichterstattung? Ich glaube das kaum! Wer Zweifel hat lese bitte das „Kleingedruckte“, da finden sich die entsprechenden Passagen. Aber jeder muss selbst wissen was er tut, und worüber er nächstes Jahr dann jammert wenn ihm die Gönner ausbleiben die er so vor den Kopf gestoßen hat. Derzeit ist man in Südbaden noch in der komfortablen Lage sich das leisten zu können, aber andere Regionen mussten schon erfahren wie schnell sich das ändern kann! Das wirkt ja nicht nur auf den Marathon selbst. In die Veranstaltung inkludiert sind inzwischen ja auch Läufe zum Schwarzwälder MTB-Cup, einer Nachwuchsveranstaltung. Deren nächstfolgender Lauf wäre schon in einer weiteren Woche nebenan in Freiburg.

Schon dieses Jahr soll es enorme Probleme mit den Genehmigungen und der erforderlichen Zustimmung einiger Anlieger gegeben haben, und dass die Veranstaltung überhaupt stattfindet war bis vor kurzem keinesfalls sicher. Ich bin mal gespannt wie das weitergeht, denn man konnte gestern nur zu gut sehen dass es die Teams wenig schert was da im Handbuch steht. Die machen sich ihre Bilder selbst, egal was wer da sagt. Ich habe es mal drauf ankommen lassen und nahm die GH5 mit. Da weitere Fotos ohnehin nicht gebraucht werden war ein Video die bessere Wahl.

Es gibt einen Bahnhof in Hinterzarten, und eine Verbindung, die um 8:43 Uhr planmäßig dort ist. Der Powertrack startete eben dort genau zwei Minuten später, allerdings weder vor dem Bahnhof noch vor dem nahegelegenen Feuerwehrhaus, wie es ursprünglich hieß, sondern oben am Berg, wo der Weg vom Skistadion auf das Wohngebiet trifft. Das war zu Fuss nicht zu machen, also Eile mit Weile … Abgesehen hatte ich es darum auf den Start des Short-Track um 11: 20 Uhr an gleicher Stelle. Danach ab in die Bahn der Gegenrichtung, die wenig später wieder zu Tal gefahren ist und in Kirchzarten um kurz nach 12 Uhr ankam. Von da ein Eilmarsch durch das Dorf ins Stadion und noch ein paar Einstellungen abdrehen.

Das Konzept fusste von vornherein darauf, dass egal was passiert es immer einen Plan B gibt. Diese Reise würde nie vergebens sein, selbst wenn sie nur für die Zukunft Klarheit über die Verhältnisse brächte.

Kommen wir zum sportlichen Teil.

Es war klar dass ein erheblicher Teil der „üblichen Verdächtigen“ in Wombach bei der DM sein würde statt in Kirchzarten am Start. Trotzdem darf man auch hier wieder sagen: Mehr als voll geht nicht!  Wenn förmlich das halbe Dorf voll Biker steht und es etwa eine Viertelstunde dauert bis die alle gestartet sind kann man doch zufrieden sein, oder? Pro Rennen gab es etwa sechs Startgruppen, die mit Abständen von ein bis zwei Minuten auf die Strecke geschickt wurden, eingeteilt nach den zu erwartenden Fahrzeiten. Vorne die Lizenz- und Profifahrer, für die es um mehr ging als darum, Spaß zu haben. Die wollten den Pott. Dementsprechend sah es da auch aus. In Reih‘ und Glied standen sie da, und fuhren sich auf der Rolle warm – wartete doch gleich nach dem Start der erste knackige Anstieg.

Schon bei der Anfahrt in der Bahn sah man am gegenüber liegenden Hang des Höllentals die Grüppchen radeln. Das müssen die gewesens ein, die in der Fussgängerzone von Kirchzarten auf die Reise gegangen sind und den Anstieg nach Hinterzarten nicht mit dem Zug zurücklegen durften wie ihre Kollegen des Power- und Shorttrack. Deren Räder reisten wieder per Spedition, und als der Fuhrpark am Bahnhof ankam waren die dazu passenden Fahrer noch lange nicht zu sehen. Für die hatte man einen kompletten Sonderzug gechartert. Schon vor dem Start gab es da die erste Kapitulation: Die Helfer, die die Räder abladen wollten, mussten einsehen dass der Platz nicht reicht! So verausgabte man die Räder direkt vom LKW, und die BIker durfte suchen auf welchem davon ihr Rad war. Das Spiel ging dann weiter mit der Startblocksuche, und für die ersten war schon vor der Startlinie das Rennen gelaufen. Schaltwerk unlustig, Reifen platt – es gab nichts was es nicht gibt. Man sollte dort eigentlich eine temporäre Werkstatt aufmachen, Umsatz wäre garantiert.

Wer den Anstieg aus dem Tal geschafft hatte erreichte an der Adlerschanze eine Verpflegungsstelle, oder um es bildlich zu beschreiben: Sie fielen über die Stullen her als hätten sie zwei Wochen kein Brot gesehen! Da war ein Betrieb …

Im Ziel ging es dann nach dem Prinzip des organisierten Chaos. Nicht wer zuerst ankam hatte gewonnen, sondern die kürzeste Fahrzeit zählte. Da es unzählige Startgruppen und viele Distanzen gab musste das erst errechnet werden, und so manche, die schon gefeiert wurden, erwiesen sich hinterher als Empfänger der Holzmedaille.

Das Aufzählen der Siegerinnen und Sieger erspare ich mir hier, dafür gibt es Ergebnislisten im Netz. Einer der bekannteren Namen oben auf dem Treppchen war Sascha Weber. Der saarländische Crossprofi zeigte erneut, dass er auch auf grobem Untergrund auf der Langdistanz schwer zu schlagen ist. Oder das Team Belle-Stahlbau. Der Name sagt euch nichts? Vielleicht dämmert es wenn man dazu sagt dass die Truppe letztens noch Racing Students hieß. Die sind nicht nur auf der Straße gut.

Auch gut war die Aussage des Bürgermeisters, der selbst mitgefahren war: Es soll in jedem Fall nächstes Jahr eine Neuauflage geben.
Dann hieße es zum zweiundzwanzigsten Mal: Auf die Plätze, fertig, los!