Freizeitmessen Freiburg

Foto: Symbolbild

SÜDBADEN – Ende März ist – alle Jahre wieder – Messezeit. Nicht nur wie letztes Wochenende die Cyclingworld in Düsseldorf, auch in Freiburg gaben sich die Händler ein Stelldichein. Die aktuelle Ausgabe trug den wohlklingenden Namen „Freizeitmessen“, wobei die Begriffsbestimmung wohl bewusst etwas unklar geblieben ist.

Schauen wir mal, wie „Messe“ eigentlich definiert ist? Eine bekannte Onlineenzyklopädie schreibt dazu: „Eine Messe (in der Schweiz auch: Salon) im wirtschaftlichen Sinne ist eine zeitlich begrenzte, wiederkehrende Marketing-Veranstaltung.“ Genau das war es, was man da vorgefunden hat, anstelle dessen was der Verbraucher gemeinhin sucht. Wer eine Ausstellung oder Messe besucht erwartet Informationen zum Anfassen. Wer ein Rad kaufen will besucht stattdessen eher einen Radbasar. Die gibt es auch, aber woanders.
Das war eine Versammlung der regionalen Händlerschaft, die ihren Warenbestand aus dem Vorjahr an den Mann bringen wollte. Nicht der gewünschte und erwartete Marktüberblick! Selbst der bislang übliche Zubehörhandel fehlte weitgehend.

Beginnen wir von vorne. Es sind auf diesem Messegelände der etwas anderen Art am Stadtrand von Freiburg vier Hallen, die voll werden wollen. In Halle 1 erwartete die Schüler, die gerade mit der Schule fertig werden, mit der „Horizon“ eine – wie will man es nennen? – Perspektivschau der Möglichkeiten. Anderswo nennt man sowas Studienberatung, nur kam hier das Handwerk dazu. Was wollt ihr denn werden? Wer sich das jetzt erst überlegt hat eigentlich schon verspielt!

Dieser Markt der Möglichkeiten war kostenfrei zu besuchen, für die drei anderen Hallen brauchte man ein Ticket. Bislang war die Einlasskontrolle sinnvollerweise draussen an der Zufahrt, diesmal stand das Kassenhäuschen direkt im Foyer – mit der dummen Folge dass man zum Mittagessen die Messe verlassen oder mit dem Bratwurststand vorlieb nehmen musste. Wer da nicht aufpasste kam hinterher nicht problemlos wieder rein! Die Wurst war gut, aber einen Braten hätte ich durchaus auch nicht verachtet. Stehimbiss ist halt nicht zu jeder Zeit die richtige Wahl.

Nun fand sich in Halle 2 unter dem Titel „Outdoor&Sports“ alles vom Wasserbecken zum Paddeln über einen Boxring bis hin zur üblichen Kleiderkammer alles, was eine Halle füllt. Nicht zwingend das, was die Leute suchten. Wer braucht im Frühjahr bei Aussentemperaturen von 20°C schon eine gefütterte Jacke, und das zu Preisen die man in der Stadt auch haben kann? Da machte der Eisverkäufer bessere Geschäfte. Es war vom Wetter her ein Glücksfall, denn bei Regen wären noch erheblich weniger Besucher gekommen. Auch so hielt sich der Andrang aber in Grenzen, selbst wenn die Propagandaabteilung das Gegenteil glauben machen will. In der offiziellen Verlautbarung war von 20.000 Besuchern die Rede. Am Samstag jedenfalls gingen die Leute nach einem ausgiebigen Frühstück zuhause erst mal einkaufen! Erst nachmittags begannen sich die Hallen zu füllen. Sonntags war dann doch deutlich mehr los, aber immer noch weniger als in manchem Vorjahr.

Gehen wir weiter. In der nächsten Halle hat man etwas untergebracht, was zu diesem Themenkomplex eigentlich nicht dazu gehört. Alles zum Thema „Baby&Kind“. Man könnte despektierlich auch sagen: Windeleimer gratis, solange der Vorrat reicht! Es gab dieses Angebot wirklich…

Im anschließenden Zentralfoyer tummelten sich die Reiseveranstalter und die Tourismusbranche. Die Bezeichnung „Ferienmesse“ passt schon. Nicht nur die eigene Region stellte sich vor, auch ferne Länder waren dabei, die sonst eher weniger bereist werden. Macht wer Urlaub auf Tobago?

Der Grund meines dortseins fand sich dann in Halle 4. Früher war die „Bike aktiv“ mal wirklich eine Fahrradmesse, wo selbst Größen wie Shimano mit dem Ausstellungstruck anreisten und Schaltungen und Zubehör neuester Art präsentierten. Alles Geschichte!
Heute ist es die Ramschbude einer Branche, die wohl irgendwie nicht so recht weiß, wo´s lang gehen soll! Die (wenigen) noch anwesenden örtlichen Händler versuchten sich im Abverkauf ihrer Vorjahresmodelle.

Da war Strom drin! Man sah vor allem eBikes aller Art und Größe, aber auch einige wenige klassische Fahrräder. Teils kuriose Modelle waren dabei wie ein „Zwitter“ aus Klapp- und Rennrad. Das Dumme dabei war nur, dass das Konstrukt nach dem Zusammenfalten nicht mehr sonderlich mobil war und die großen Räder dafür sorgten dass man es nur schlecht irgendwo unterbringen konnte. Da konnte man doch auch gleich nebenan nachschauen, wo man keine Hemmungen hatte elektrisch unterstütze Rennräder zu zeigen. Das Stück zu 14 Kg oder fast 6000 Euro! Wer´s braucht!

Was ich vermisst habe waren viele sonstigen Bauformen des Fahrrads. Kaum Rennräder, keine Triathlonbikes, so gut wie keine klassischen MTB, kaum sonst was. Es war leider nicht das, was ich mir an Informationen erhofft hatte!

Natürlich gab es auch wieder die Showbühne, diesmal nicht in der hintersten Ecke der Besenkammer wie im letzten Jahr, sondern da wo sowas hingehört: neben die Kuchentheke – da ist immer Betrieb. Die dort zu marktüblichen Preisen angebotenen Kuchen und Torten waren durchaus empfehlenswert – nicht so wie in manchem Vorjahr, wo die Birnen-Schmand-Torte derart mit Stärke bedient wurde dass sie die Konsistenz der nebenan liegenden Reifen hatte. Da kam die Gabel ja kaum durch! Diesmal hatte der Konditormeister entweder Nachschubprobleme, oder dazugelernt. Ich hoffe das bleibt so.
Es waren teils interessante Darbietungen, teils aber auch plumpe Verkaufsanbahnungen, die einer nüchternen Prüfung der Sachverhalte selten standhielten.

Markus Bauer
INFRONT

Den kürzesten Vortrag an diesem Wochenende hielt Markus Bauer. Nach gut 10 Minuten war er am späten Sonntagnachmittag schon fertig – hatte aber alles gesagt was zu sagen war. Kurz und bündig, keine Worthülsen drumherum. Der junge Mann war bis letztes Jahr noch aktiver MTB-Profi, jetzt baut er was er bislang gefahren hat. Wer den Namen „Infront“ hört dachte bislang eher an Günter Netzer und Fussballmarketing. Nun darf man sich umstellen. Da wächst ein Pflänzchen in Littenweiler, das womöglich eine große Zukunft hat. Das Konzept überzeugt. Ein 3-Mann-Startup, das nach einer Art Baukasten eBikes anbietet, die der Kunde übers Internet konfiguriert und die dann mobil ausgeliefert werden. Die Umkehrung des bisherigen Prinzips „Kunde kommt zum Händler“. Hier kommt der Service zum Kunden nach Hause. Im Rhein-Main-Gebiet gibt es ein anderes ähnlich gemachtes Werkstattkonzept unter dem Namen „Go-Bike-Service“, nur dort bekommt man keine Räder. Schon gar keine, die auf die Anatomie des Kunden ausgerichtet sind!

Hier ein kleiner Ausschnitt aus diesem Vortrag:

Dieses Video ansehen auf YouTube.

Was es natürlich auch gab waren Teamvorstellungen. Die Mannschaften des Radsports suchen die Öffentlichkeit, noch dazu weil sich die Branche selbst damit schwer tut. Bei den Rennen grassiert zunehmend der FC-Bayern-Wahn. Wir sind wir, uns kann keiner!

WiaWis Racing Team p/b Dos Caballos

Zumal wenn unter neuem Namen eigentlich etwas Bekanntes steckt. Was da am Samstag auf der Bühne stand nennt sich „Wiawis Racing Team powered by Dos Caballos“. Vergangene Saison war der Sponsor noch „Gesundshop24“. Dos Caballos ist ein Wäschefabrikant für Radsportbekleidung mit Sitz in Freiburg – einer von mehreren, die an diesen Tagen seine Produkte feil geboten hat. Schaut man näher hin finden sich szenebekannte Namen wieder. Der Geschäftsführer dort ist niemand anderer als Marc Hanisch!

Bei allen Anbietern fehlte nach meinem Geschmack aber für den Alltag brauchbare Kleidung. Es ist nicht jedermanns Sache, mit eng anliegender Wäsche durch die Stadt ins Büro zu fahren. Genau da aber liegt eine Marktlücke, denn im Versandhandel des Internets bekommt man das, wenn man sucht. Warum also nicht vor Ort zum Anprobieren?

Sportlich ging es dann am Sonntag weiter. Was die Straßenfahrer am Samstag waren die Mountainbiker am Sonntag. Die Breitnauer Truppe des „Freiburger Pilsner Merida Teams“ stellte sich vor, veranstaltete eine Ausfahrt wie auch ein Techniktraining. Grundbegriffe des Radsports in Kompaktausgabe.

Dieses Video ansehen auf YouTube.

Leider ließ das Interesse etwas zu wünschen übrig. Das schöne Wetter hatte halt auch seine Schattenseiten, schon zur Mittagszeit war die Schlange der Gehenden länger als die der Kommenden. Der heimische Liegestuhl rief nach Inhalt! Oder das Bike zuhause in der Garage nach einer eigenen Ausfahrt. Es war kaum zu übersehen dass der Markt gesättigt ist. Viele der ausgestellten Räder waren Sonntag Abend immer noch da, und werden das wohl auch noch länger bleiben.

Es ist ein Irrglaube zu erwarten dass die Leute mit dicken Geldbündeln zur Messe kommen weil sie im Rausch der Frühlingsgefühle Radfahren für sich entdeckt haben. Entweder die Leute haben eins, oder sie lassen sich mit der Entscheidung Zeit. Für zielführende Informationen war das leider der falsche Ort, dafür war die angebotene Palette zu begrenzt. Auch wenn man unterstellt dass die Topografie in der Region sicher eine Rolle spielt, das verkaufsfördernde Argument war es nicht dass man dort fast ausschließlich eBikes gesehen hat. Im Rheintal braucht man den Motor nicht, für echten Sport ist er wohl sogar eher hinderlich weil Motor und Akku eben für massig Gewicht sorgen, und die Zahl derer die aus verschiedensten Gründen davon profitieren ist begrenzt. Die fahren auch kaum abseits der Wege durch den Schwarzwald.

Dazu schreibt auch das Lokalblatt – die Badische Zeitung – in ihrer Samstagsausgabe recht treffend (Seite 28): „Kinderwagen statt Campingmobile – die Freizeitmessen wollen sich nach der Schrumpfkur der vergangenen Jahre neu ausrichten und ein jüngeres Publikum gewinnen.“

Alles gut und schön. Ich finde jedoch, Wunsch und Wirklichkeit sind hier zwei verschiedene Dinge! Zum einen, wenn man die vergangenen Jahre vergleicht hält die „Schrumpfkur“ nach wie vor an, und das deshalb weil das Angebot nicht die Nachfrage bedient, sondern versucht eine zu generieren die es nicht gibt. Daran wird auch die Hereinnahme der „Baby&Kind“ nichts ändern, und das eben weil es eine eigene Messe in der Messe ist, so wie es auch schon die Modellbaumesse gewesen ist. Alles in sich gut gemacht, aber am Themenfeld vorbei. Was es meiner Meinung nach bräuchte wäre eine Eurobike im Kleinen. Das Potential wäre da, und um die Leute später in die Läden zu bekommen muss man ihnen nicht nur Appetit machen, sondern zeigen was es gibt. Das Problem vieler örtlicher Händler ist ihre begrenzte Ladenfläche. Wer heute zu seinem Kunden sagt „Das muss ich erst bestellen!“ und ihn dann warten lässt darf sich nicht wundern, denn bestellen kann der Kunde das heute selbst – im Internet. So wie der Supermarkt vor allem von der Gemüsetheke lebt, lebt auch die Sportbranche vom Drumherum. Dieses Drumherum sah man „nebenan“, nämlich bei der Touristik und den Outdoorsportarten. Der Appetit kommt beim Essen!

Das alles zusammen ergibt einen Schuh. Jetzt holt wie früher die Zubehör- und Technikanbieter wieder mit ins Boot, und ihr werdet sehen was passiert. Was die Leute wollen sind offenkundig handfeste Informationen – anfassen, testen, ausprobieren, Neues kennenlernen – über die man nachdenken und später in die Läden gehen kann. Was sie nicht wollen ist ein Ausverkauf, der nach dem Motto verfährt „Nimm es oder lass es!“

Genau daran aber krankt die ganze Branche! Wer ein bestimmtes Rad sucht – sei es weil es in der Fachpresse getestet wurde, sei es weil er oder sie etwas anderes benötigt als den Standard – ging bis dato ein erhebliches Risiko ein. Mir ist es auch schon so ergangen, dass der Händler sagte, er ordere seine Räder im November, und wer im Frühjahr kaufen wolle müsse mit dem leben was gerade noch im Laden stehe. So aber geht das nicht! Ausser den Sportlern kauft niemand im Winter ein neues Rad – und wer zur gegebenen Zeit nicht das findet was er sucht oder braucht kauft dann garnicht. Oder wendet sich an den Versandhandel. So entstehen dann die Lageraltbestände, die man dann zum Abverkauf auf so einer Messe vorfindet. Da beisst sich die Katze in den Schwanz.