Team Sauerland

Die Veranstaltung gestern in Sundern hat mehr gezeigt als ein neues Team. Das Team an sich ist ja nicht unbedingt neu, das gibt es seit mehreren Jahren. Neu ist der Ansatz, und dazu komme ich später.

Es war ein Tag, an dem die einen eine glorreiche Zukunft heraufbeschworen, während anderen nicht auffiel, dass sie auf ein PR-Desaster zusteuerten.

Beginnen wir von vorne.
Das Städtchen Sundern liegt in etwa nördlich des Siegerlandes im Dreieck von Winterberg, Finnentrop und Attendorn im Sauerland, einer Region im Dreiländereck Rheinland-Pfalz, Hessen und – überwiegend – Nordrhein-Westfalen.

Sorpetalsperre im Frühdunst

Es ist eine landschaftlich reizvolle Gegend, liegt ganz in der Nähe von Sundern mit dem Sorpesee eine von gleich mehreren Talsperren, die nicht nur Trinkwasser garantiert, sondern auch vor allem im Sommer genug Freizeitaktivitäten ermöglicht. Baden, Segeln, Camping seien da zuallererst genannt, aber wer will auch Wandern und Radfahren.

Schade nur, dass das Nest verkehrstechnisch etwas abgeschnitten daherkommt. Die Bahnstrecke hat man stillgelegt, ein Bus ist für Reisende mit Gepäck kaum als Alternative anzusehen, und vor allem aus dem Großraum Rhein-Main gibt es faktisch überhaupt keine brauchbare Verbindung ohne Auto! Der Verkehr ist auf den Ruhrpott ausgerichtet, und damit wird eine Reise da hin zur Fahrt mit der Kirche ums Dorf. Die einzige Autobahn von Süden, die im Volksmund „Sauerlandlinie“ genannte A45, ist derzeit durch marode Brücken und unzählige Baustellen auch nicht gerade für rasches Fortkommen bekannt. Das fahrbare Tempo dort liegt im Bereich einer besseren Landstraße. Es war also etwas mühsam, zu dieser Veranstaltung hin zu kommen.

Was fand da nun in der Orange World, dem Ausstellungsraum des Hauses SKS, statt? Einführend sei gesagt wer SKS ist: einer der bekanntesten Hersteller für Fahrradzubehör überhaupt. Man findet die Produkte der Firma in jedem gutsortierten Fahrradladen der Republik. Von da her liegt es nahe, dass sich SKS als Sponsor im Profiradsport engagiert, und man hat auch durchblicken lassen, das entweder richtig oder garnicht tun zu wollen. Da letzteres ausscheidet bleibt ersteres. Ganz oder garnicht.

Der Name Orange World ist nun seinerseits ein Plakat. Es ist keine Messe-, sondern eher eine renovierte Fabrikhalle, deren Stahlträger man orangerot angestrichen hat. Ansonsten macht das Ambiente den Eindruck eben einer Fabrik, aus der man die Maschinen ausgebaut und neuen Teppich hineingelegt hat. Wo aber liegt diese Fabrik? Mitten in der Stadt, im Hinterhof. Da, wo niemand ohne weiteres darauf käme, dass dort einer der größten Arbeitgeber der Region sein Domizil hat. Wer es nicht weiss läuft vorbei, und ohne die Aufsteller und Fahnen vor der Tür wäre auch der Ausstellungsraum, in dem die Präsentation stattfand, einer von vielen gewesen. Von aussen sprach nichts dafür, dort etwas Besonderes zu suchen.

Falls die Tarnung gewollt war ist sie ein voller Erfolg. Die Aufmerksamkeit, auch in der Ausschilderung des Parkplatzes, zielt auf die gleich daneben gelegene Festhalle oder das gegenüber liegende Stadtmarketing, nicht auf das dahinter befindliche Werk. Man sollte dort einen Fabrikverkauf etablieren, es könnte sich lohnen!

Radrennsport als Vermarktungsoption für eine ganze Region!

Woher das Team seinen Namen hat wäre nun geklärt. Was aber haben die Verantwortlichen damit vor? Das ist bei näherer Betrachtung eine entscheidende Frage, hängt davon doch die Zukunft der Mannschaft ab.

Am Anfang der Präsentation hat man gleich die Katze aus dem Sack gelassen. Da stand nicht nur Team- und Firmenleitung auf der Bühne nebst Vertretern der anderen Sponsoren und hat aus dem Nähkästchen geplaudert, immer bemüht nicht zu viel vorab zu verraten, sondern bald darauf auch Prominenz aller Art, darunter Vizepräsidenten diverser Radsportverbände, darunter auch G. Schabel vom BDR, sowie diverse Bürgermeister und Ortsvorsteher der Region.

Was kam da heraus? Man will mehr als nur mittels Aufkleber auf den Teamwagen für die Region werben, man will sozusagen das große Rad drehen! Sportinternat in Winterberg, nicht nur Wintersport, sondern ganzjährig! Hat man gemerkt dass mit Schnee hierzulande in Zeiten des Klimawandels kein Staat mehr zu machen ist? Wird langsam Zeit … Welche Möglichkeiten hier schon ungenutzt verstrichen sind kann erahnen wer sich noch an die vor vielen Jahren in Hallenberg gewesenen Bundesliga-MTB-Rennen erinnert. Was waren das für Zeiten! Seitdem ist hinsichtlich Aussenwirkung wenig geschehen, der Zug in anderer Richtung abgefahren.

Da will also jetzt wer viel Geld in die Hand nehmen, und ein Teil dieses Geldes steckt wohl auch in dieser Mannschaft, die da gestern der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Die Mannschaft ist eigentlich vielschichtig aufgestellt. Da gibt es neben der Profimannschaft, deren Macher schon insgeheim von der Tour-Teilnahme in einigen Jahren träumen, auch noch ein Perspektivteam aus jungen Nachwuchssportlern, wobei auch die Leistungsträger noch nicht wirklich alt sind – wobei man es sich nicht verkneifen konnte darauf hinzuweisen dass Dreißigjährige im Radsport zu den alten Herren zählen – und eine Jedermanntruppe, ebenso wie das Team hinter dem Team, ohne das wenig bis garnichts ginge. Jemand muss ja die Räder warten, die Fahrzeuge fahren, den ganzen Aufwand im Hintergrund erledigen, die Verwaltung bewältigen, etc. pp. Zu tun gibt’s genug, auch wenn das nach außen hin keiner merkt!

Was man aber bei genauerer Betrachtung nach außen hin merkte war vielleicht gar nicht bewusst oder erwünscht.
Das begann nämlich insgeheim schon mit der Ankündigung der Präsentation. Das geschah nicht unbedingt offen, sondern klammheimlich im Anhang zu einem Bericht in den sozialen Medien vom Trainingslager im warmen Süden, von dem man gerade erst zurückgekehrt war. In dessen Anhang fand sich ein Plakat, das für gestern drei Teile ankündigte: ein Fotoshooting, die Präsentation, und ein anschließender fröhlicher Abend.

Warum ich eingangs von einem PR-Desaster sprach findet sich in der Offenbarung, dass das Fotoshooting als interne Sache begriffen wurde, die die Öffentlichkeit nichts angehe. Warum kündigt man es dann an? Will ich etwas Internes machen kommuniziere ich das nicht extra nach außen, ausser ich will dem Publikum genau das sagen! Es wäre OK gewesen zu sagen, es gibt um 13 Uhr eine Mannschaftsvorstellung, wer Interesse hat kann gern kommen. Man hätte sogar zu Planungszwecken um Voranmeldung bitten können, alles kein Problem, aber man sagt den Fans nicht, dass sie zu einem interessanten Teil unerwünscht sind, auch wenn man es höflich einpackt. Es gibt einige, auch mich, die es sicher interessiert hätte zu sehen wie man sowas macht! Abgesehen davon dass es nicht die erste Gelegenheit gewesen wäre wo auch ein Profifotograf auf dem Schlauch gestanden hätte und für Mithilfe dankbar gewesen wäre, und sei es nur jemand, der mal was hält.

Meiner Meinung nach war auch der Aufbau der Bühne etwas unglücklich. Da stand auf der einen Seite ein Sprecherpult, daneben ein Tisch mit einem Projektor, und daneben zwei Rennräder. Alles OK, nur wirkte der Aufbau optisch wie eine Schranke zwischen Akteuren und Publikum, und für die Fotografen war es kaum möglich, die optischen Hindernisse aus den Bildern raus zu halten, auch wenn sie darin thematisch nichts zu suchen hatten. Es war egal ob man links, rechts oder in der Mitte saß – irgendwas stand immer im Bild das da nichts zu suchen hatte!

Wenn ich im Bild Sportler zeigen möchte brauche ich keinen Projektor im Vordergrund, noch dazu wenn auf dem Tisch angebrochene Bierflaschen zu sehen sind. Hätte man solcherlei am Rand drapiert und für die Sportler in der Mitte Platz gelassen wäre es weitaus besser zu behandeln gewesen! Die Fahrräder als Rahmen und das sonstige Zubehör im Hintergrund. Was die obligatorischen Pflichtfotos wie Gruppenbild etc. angeht wären wir wieder beim vorangegangenen Fotoshooting, bei dem man sowas im kleinen Kreis hätte erledigen können statt es im Anschluss hastig abzuhandeln wo die Sportler geistig schon beim Buffet oder auf dem Heimweg waren.

Kaum hatte nämlich der Sprecher das Ende der Präsentation verkündet und die Fotografen eingeladen, jetzt alle nötigen Bilder zu machen, tat sich symbolisch ein Loch im Boden auf. Man konnte kaum so schnell hingucken wie die halbe Mannschaft irgendwohin verschwunden war. Jedenfalls waren nur noch wenige da, um die drängenden Fragen an den Mann zu bringen, die da noch zu stellen gewesen wären. Ich fand das etwas schade, denn wenn man in der Präsentation erwähnt, dass einige in der Mannschaft keine Vollprofis sind, sondern noch einem regulären Beruf nachgehen oder studieren, drängt sich gleich die Frage auf, wie die es anstellen, den enormen Trainingsaufwand mit dem Zeitbedarf des normalen Lebens zu koordinieren! Es ist genau das große Problem zahlloser Amateursportler, dass neben ihrem Beruf die Zeit fürs Hobby nicht reicht, und hier hätte man von erfahrenen Leuten hören können wie die das regeln. Es ist nämlich auch für die nicht so einfach. Von den Leinau-Brüdern etwa hörte man, sie hätten nach dem Abitur und einer Ausbildung in der Versicherungswirtschaft nun ein Studium begonnen – nicht etwa vorwiegend um beruflich weiter zu kommen, sondern um Zeit fürs Radtraining zu haben. Oder der Aachener C. Schweizer, beruflich aktiver Polizist, der durch seinen beruflich bedingten Trainingsrückstand auf die ersten Rennen im Ausland wird verzichten müssen bis er diesen wieder aufgeholt hat.

Weiter erwähnenswert in der Mannschaft wäre die Frohnatur und Bergfex der Truppe – Felix Intra. Der Kelsterbacher ist der hessische Vertreter im Team und stammt aus „altem Radsportadel“, wenn man seinen bekannten Verwandten Kai Hundertmarck erwähnt. Hierher gehört dann auch ein bekannter Radladen in Frankfurt, Fahrrad-Intra aus Sossenheim, wobei das Stichwort Sossenheim gleich mal kurz zum RV führt, einem örtlichen Aushängeschild im Radsport. Es ist ja nicht so dass man im Rhein-Main-Gebiet diesbezüglich unbeleckt wäre. Vereine gibt’s genug, nur kaum noch Rennen …

Warum das so ist hat man exemplarisch bei der letzten Deutschland-Tour in Lorsch sehen können, als zur Mannschaftseinschreibung kaum Zuschauer da waren obwohl bei den übrigen Etappen reger Zuspruch zu verzeichnen war. Das lag meiner Meinung und Erfahrung nach nicht daran, dass kein Interesse existiert. Es kam wohl eher vom bisherigen Umgang des Sports mit dem Publikum, der dieses eher als notwendiges Übel behandelt als als Kommunikationsziel. Sei das Eschborn-Frankfurt, die Deutschland-Tour, Rund um Köln, die Bundesliga – sie alle gehen ähnlich vor. Wir sind wir und uns kann keiner?

Wenn man sich als Mannschaft so positioniert, dass eben die großen internationalen Rennen das Ziel sind, dann muss man auch mit der Aussenkommunikation dieser Veranstaltungen umgehen können. Diese sind in Zeiten vor dem Internet und Web2.0 stehen geblieben und erklären heute immer noch, Medien nur gegen Presseausweis akkreditieren zu wollen, also Blogger auszuschließen. Man muss sich dazu ansehen wie in Deutschland die Presselandschaft gegliedert ist und wie die Verbände dazu stehen. Stockkonservativ, nur nichts Neues! Für den Sport kann das auf Dauer tödlich enden, denn: auf welchen Kanälen wird im Sport heute kommuniziert? Da sind zuallererst die sozialen Netze, und eben da stößt es übel auf wenn man einseitig Propaganda betreibt. Ergebnisse sind nicht alles! Statt Mitwirkung bleibt passive Rezeption einer Botschaft, die teilweise selbst Laien als halbherzig und unaufrichtig vorkommt, merken doch auch die früher oder später, dass jemand, der sich selbst als weltoffen und basiszugewandt darstellt in einem Umfeld von Möchtegernprofis, die erhebliche Teile ihres Geschäfts nicht können, wie ein Eisberg im warmen Mittelmeer erscheint.

Bilder dazu sind – auszugsweise – in der Galerie.