Stuttgart

Käse – an dieses Lebensmittel muss denken, wer derzeit nach Stuttgart kommt! An etwas voller Löcher.

Gleich bei der Ankunft im Hauptbahnhof fällt man förmlich in eine Baugrube, denn Bahnsteige und Bahnhofshalle sind lediglich über einen Steg miteinander verbunden, der über das hinwegführt, was einmal der neue Hauptbahnhof im Keller des alten werden will.

Wer die Pläne gesehen hat weiss um eine wesentliche Eigenschaft dessen. Die Bahnsteige sollen eine derart starke Neigung haben dass Gefahr besteht, Kinderwagen und Rollstühle könnten Selbständigkeit lernen! Nun ja, da muss man sich wenigstens nicht um das Regenwasser kümmern, das fließt von alleine zu Tal, und da wartet der Neckar. Da passt noch genug rein!

Das geht überall in der Stadt so. Egal ob Straßen und Wege, oder die Bahnsteige der Stadtbahn – fast nichts ist gerade! Es macht den Eindruck als sei die Erfindung der Wasserwaage dort noch nicht vorbeigekommen. Wobei das mitunter groteske Züge annimmt. So hat man die Sitzbänke an den Stationen durchaus horizontal ausgerichtet. Man soll ja sitzen und nicht rutschen. Das führt aber manchmal dazu dass der am linken Ende förmlich auf dem Boden sitzt während der am rechten Ende in der Luft hängt … oder umgekehrt.

Loch an Loch und hält doch! Diese alte Binsenweisheit ist in der Stadt im Kessel allgegenwärtig. Die kuriose Mischung aus verschiedenen „Käsesorten“ von Tilsiter bis Romadour gepaart mit löchrigem Sieb macht einen Charme der besonderen Art. Eingangs genanntes Bahnprojekt raubt allmählich nicht nur den Entwicklern wie auch dem Kämmerer den Schlaf, es unterhöhlt auch den Schlosspark, ein nahezu schnurgerade zwischen Hauptbahnhof und Neckarufer verlaufendes Grüngebiet. Eine Offenbarung für Ruhesuchende, darin Wilhelma und zahlreiche Cafés – wäre da nicht an jeder Ecke ein Bauzaun. Durchgang verboten hier, Umleitung da, und das alles ohne dass wer arbeitet! Überall das bekannte runde Schild mit dem roten Rand, darauf wechselweise Fussgängersymbol oder Radfahrer, und in der Nähe eine Menge Freunde und Helfer, die sich um etwas bemühen was nicht funktionieren kann, nämlich das Knäuel Erholung suchender Sonntagsspaziergänger in geordnete Bahnen zu lenken. Wundert es da wenn sich keiner mehr dran stört und alle gehen wie sie wollen?

Wer vom Bahnhof Richtung Bad Cannstatt läuft kommt dabei bei den Mineralbädern vorbei, und an der nächsten Großbaustelle. Da wäre nicht nur das gut besuchte Mineralbad Leuze, da wäre ebenso gleich daneben das in Sanierung befindliche Mineralbad Berg. Ganz allmählich sieht man doch schon, was dort für ein Glaspalast entsteht! Es könnte schön werden – schön teuer!

Wieso aber heisst es Berg? Dahinter erstreckt sich eine gewisse Anhöhe, und darauf ein Stadtteil, der sich eben Berg nennt. Oben drauf ein weiterer Park, der von einer Villa geprägt ist.

Villa Berg

Villa? Das war vielleicht mal eine …
Heute ist das ganze Gebiet etwas, das unbedarfte Laien einen Sanierungsfall nennen würden! Wieder das gleiche Spiel – Bauzaun links, Bauzaun rechts! Die Fensterhöhlen notdürftig mit Spanplatten gefüllt entfaltet das Ganze einen morbiden Charme. Es fehlt quasi nur noch das bekannte Schild „Vorsicht! Blindgänger!“ um den Eindruck der Nachkriegszeit vollständig zu machen.

Als ich dort eintraf waren gerade etwa zwei Dutzend Radsportler beim Training. So ein Gelände eignet sich geradezu hervorragend für Radcross. Man kann nicht viel kaputt machen, wo schon alles kaputt ist?! Auch die Wiesen verdienen kaum noch ein „Betreten verboten!“-Schild, zumal die Stadt dort Parkbänke aufgestellt hat, daneben hübsch passend jeweils ein Mülleimer. Geniesse die Aussicht! Von da oben hat man wirklich einen herrlichen Blick auf die Stadt, zumal jetzt im Spätwinter die Bäume kein Laub tragen, das die Aussicht behindern könnte.

Es darf sich also auch keiner wundern, wenn wer nicht nur die Bänke nutzt, und um da hin zu gelangen muss man die Wiese betreten. Einen anderen Weg gibt es nicht, zumal die bergauf führende Treppe eben genau da (ver)endet – und das hat im Lauf der Zeit Spuren hinterlassen. Wer da mit Landschaftsschutz ankommt ist ein Schelm!

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Das Gleiche gilt etwas weiter hinten im Park, wo sich Spielplätze für Kinder befinden. Wer solche an Durchgangswegen anlegt schafft damit zwar gute Erreichbarkeit für Mütter mit Kinderwagen, kann aber quasi umgehend damit rechnen, dass die Kleinen nach Überwinden des als Klettergerüst tauglichen Jägerzauns quasi auf der Stadtautobahn landen. Wer da die Polizei ruft weil dreissig Radfahrer vorbei gekommen sind muss sich andere Fragen stellen lassen, zum Beispiel die ob das Handy nicht mal wieder wichtiger war als die Aufsicht auf die spielenden Kinder.

Diese Art Fortbewegung – mit dem Fahrrad – mag man angesichts der Topografie kaum glauben, ist aber doch allgegenwärtig. Viele nutzen es, und hier insbesondere Crosser und MTB, zur täglichen Fortbewegung ebenso wie für das sportliche Training. Das Interesse ist enorm, wenn man sieht dass sich quasi aus dem Stegreif ohne große Propaganda dreissig Leute zum Training einfinden, ohne dass wer das groß organisiert hätte. Es sind Gleichgesinnte, und wer dieses Potential sieht fragt sich wer da so lang geschlafen hat!

Goldene Ananas

Das Ergebnis dessen ist die Goldene Ananas, ein symbolischer Preis für die Teilnahme an einer Trainingsrennserie abseits aller Vereinsstrukturen. Es gibt wie überall im Land durchaus sehr rege Radsportvereine, aber irgendwie überkommt einen der Eindruck, dass das vorhandene Angebot nicht das Bedürfnis einer größeren Masse Begeisterter trifft. Einerseits ist das schade, andererseits eine Aufforderung, darauf einzugehen und Möglichkeiten zu schaffen. Was dem ein sin Uhl is dem annern sin Nachtigall, sagt der Volksmund. Des einen Eule ist des andern Nachtigall, und er hat recht damit! Die Downhiller haben in Degerloch inzwischen ihre Abfahrtsstrecke, die Straßenfahrer die Panoramastraße zum Austoben, warum also sollen die Radcrosser nicht in den Wald fahren?

Sie tun das! Ob mit oder ohne behördlichen Segen, wer den Fernsehturm an der Ruhbank besucht kann auch sehen, dass Schwaben nicht nur genau sind, sie wissen sich auch zu helfen. Wie beim Marathonlauf in New York, von dem man sagt, einige Läufer nähmen die U-Bahn zum Ziel, sind hier einige Radcrosser und Mountainbiker gute Kunden der SSB. Die Stuttgarter Straßenbahnen verbinden mit ihrer Linie U15 den Knast in Stammheim via Hauptbahnhof mit der schönen Aussicht auf der Ruhbank, denn da steht seit 1956 der Fernsehturm. Er ist damit der Älteste seiner Art, der Aufzug darin ist laut Typenschild noch zwei Jahre älter. Den hat man also beim Bau des Turms gleich mit integriert.

Kommt ein Zug oben an steigen nicht nur ein paar wenige Radfahrer da aus, es sind oft halbe Mannschaften! Drei Minuten später sind sie in den umliegenden Wäldern verschwunden und nichts erinnert mehr an ihre Anwesenheit. Man kann sich denken was die da machen. Sie fahren zu Tal, und das Spiel beginnt von vorn.