Zur Sache, Radsport!

Man hört es immer wieder – Verantwortliche, Veranstalter und Sportler wundern sich immer mal wieder in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen über das Ausbleiben der Zuschauer bei ihren Rennen.

Man muss dabei beobachten, dass man als Gründe alles Denkbare in Betracht zieht – nur nicht das Naheliegende!  (Es folgt viel Text!)

Interessenten (aka Zuschauer …) kommen zu Rennen, wenn entweder jemand aus ihrem Bekanntenkreis dort mitfährt, oder wenn sie der Sport interessiert. Dafür muss ihnen aber erst mal bekannt sein, a) dass ein Rennen stattfindet und b) wie man da hin kommt.

Fangen wir mit b) an, es ist einfacher zu erklären.
Natürlich ist es notwendig, die Rennstrecke für den übrigen Verkehr abzusperren. Leider musste ich in den letzten 30 Jahren (sic!) schon oft beobachten, dass dies so geschieht, dass niemand eine legale Möglichkeit hat, das Rennen überhaupt zu erreichen, und ihr glaubt doch bitte nicht ernsthaft, dass die, die nachmittags starten, am frühen Morgen vor dem ersten Rennen anreisen, damit sie am Start stehen, bevor die Absperrungen geschlossen werden. Für potentielle Zuschauer gilt übrigens genau das gleiche. Niemand wird Dörfer weit wandern. Im Extremfall ist das für die Sportler noch möglich, für Zuschauer und Berichterstatter garantiert nicht.
Bei den Sperrschildern fehlt nämlich allzu oft das „Anlieger frei“! Ein Verbot für „Fahrzeuge aller Art“ ist eben so, legal darf da keiner vorbei, und anders ist die Anmeldung eben nicht zu erreichen. Auch ein Fahrrad ist, streng genommen, ein Fahrzeug.

Um a) erläutern zu können muss man etwas ausholen.
Bis etwa 1980, vor dem Aufkommen des Internet, verlief der Informationsfluss weitgehend auf Papier, also brieflich oder über die gedruckte Presse. Inzwischen hat sich das vielfach verändert. Am Verhalten vieler Veranstalter merkt man das aber nicht! Sie gehen immer noch so vor wie anno dazumal. Wie meine ich das? Online gibt es keine oder kaum Informationen zum Rennen, vielleicht eine Ausschreibung, aber höchst selten einen Streckenplan, einen Zeitplan oder eine Starterliste.
Wo aber holen sich die Leute derzeit ihren Input her? Nicht aus der Tageszeitung, sondern von Webseiten, Facebook, Blogs etc.

Die Tagespresse hat ihre einstmalige Rolle als Informationsträger längst verspielt. Warum? Man kann in den Zeitungen nicht im Vorab lesen, was wann wo stattfindet, es gibt höchst selten einen Veranstaltungskalender oder eine Vorberichterstattung. Sie schreiben darüber, was schon war, und auch das nur, wenn gerade Platz übrig ist. Über Radsport liest man in den Gazetten doch nur noch, wenn die Pressewarte der Vereine Artikel fertig zuliefern!

Wie schaut es dann mit der Reichweite aus? Mäßig!
Ein Beispiel. Das Darmstädter Echo hat seine Regionalausgaben aufgeteilt, angeblich, um die Leser besser informieren zu können.
Wenn also in Darmstadt im Nachbarlandkreis ein bedeutendes Rennen stattfindet kann es passieren, dass die Griesheimer das erfahren, die Riedstädter aber schon nicht mehr, auch wenn nur jeweils ein Dorf dazwischen liegt. Es ist aber eine andere Regionalausgabe!

Merkt ihr was?
Man kann eine Zeitung nur im jeweiligen Erscheinungsgebiet lesen. Nicht darüber hinaus, und oft nicht im Internet, Bezahlschranken sei dank.

Der aktuelle Informationsfluß verläuft dort entlang, wo die Nutzer das finden, was sie suchen. Das ist nicht mehr in der Zeitung! Ihr dürft das gerne als Kritik verstehen, auch wenn es als Verbesserungsvorschlag gemeint ist.

Warum also nehmen etliche, wenn nicht die meisten Veranstalter immer noch Zulassungen für Berichterstatter nach der einstmals gültigen Devise „nur gegen Presseausweis“ vor? Weil sie seit damals nichts gelernt haben!

Das Perfide daran ist ja zudem, dass in den offiziellen Ausschreibungen oft kein Wort von einer Akkreditierungspflicht steht, dann aber vor Ort verwundert gefragt wird, warum man sich nicht angemeldet habe. Ist das eine neue Mode, gerade von Bloggern Gedankenlesen zu erwarten, oder seid ihr schon so der Welt entrückt, dass euch das nicht mehr auffällt?

Der Presseausweis – jeder kann das beim Deutschen Journalistenverband nachlesen – ist heute ein Nachweis, dass jemand irgendwo angestellt ist und es sein Beruf ist, zu berichten. Mehr nicht! Es sagt weder aus, dass jemand es kann noch dass er es will.
Damals – ich muss mich wiederholen – wurde auf Diafilm fotografiert und die Zeitung war das einzige Medium, das über ein Ereignis zeitgerecht berichten konnte.
Heute kann das jeder, der will! Es setzt nur etwas Willen und ein klein wenig Technik voraus, weder ein Angestelltenverhältnis noch gar ein kommerzielles Ansinnen! Man muss sich nur bei z.B. WordPress.com anmelden, was nichts kostet ausser dem Internetzugang, der meistens eh vorhanden ist, und schon hat man binnen Minuten einen eigenen Blog und kann anfangen.

Das passt natürlich nicht jedem in seinen Kram, und die etablierte Presse betrachtet Blogger als natürlichen Feind Nummer eins. Aber ist das wirklich so? Natürlich nicht! Wer als Medium zu 90% nur über Profifußball berichtet hat das Exklusivrecht auf Berichterstattung verwirkt, zumal ein Blogger wegen seiner zumeist fehlenden Gewinnerwartung nicht darauf angewiesen ist als erster mit der Leiche zu sprechen, sondern Facetten beleuchten kann, die in einer Zeitung garantiert keinen Platz finden würden.

Ich frage daher nochmal: Warum akkreditiert ihr nur gegen Presseausweis?
Ihr seid damit selbst daran schuld, wenn euch abseits des Mainstreams keiner wahrnimmt! Die wirklich daran Interessierten erreicht ihr so nicht! Aber ihr erreicht, dass viele potentiell Interessierte gar nicht mehr erwarten, bei Rennen erwünscht und willkommen zu sein. Sie werden also von vorn herein wegbleiben, weil sich da eine – wenn auch oft falsche – Erwartungshaltung aufbaut oder aufgebaut hat.

Veranstalter, die erwarten, dass Fotografen und Blogger aus dem Zuschauerraum hinter den Absperrungen zu guten oder auch nur zu brauchbaren Fotos kommen, wissen nicht was sie tun! Von Filmeinstellungen will ich da garnicht reden. Entweder man erlaubt dass sie sich zu den gewerblichen Kollegen an die Fotolinie gesellen, oder lässt sie wissen, dass man sie nicht dabei haben will. Das ist derzeit eure äußerst deutliche Botschaft, und sie hat Folgen! Bei Rennen, bei denen die Presse nicht erscheint oder nicht berichtet, gibt es dann eben nichts!

Nicht zuletzt, aber am Schluss dieses Artikels noch ein Wort an die Sportler.

Ich kann verstehen, dass viele von euch nach dem Rennen unzufrieden sind. Sei es weil sie nicht die Platzierung erreicht haben, die sie sich vorgestellt haben, sei es, weil sie wegen Sturz oder Defekt vorzeitig ausgeschieden sind: Zuschauer und Fotografen sind nur höchst selten dafür verantwortlich.

Es gibt einen sehr beklagenswerten Eindruck ab, wenn ihr sie dann mit Schmollgesicht abhandelt, als wären sie im Weg oder gar nicht da! Eben das ist die Botschaft, die ihr da in die Welt sendet: Wir wollen euch hier garnicht haben!
Ihr kennt eure Rechte? Mitunter meint ihr die sehr gut zu kennen, eurem oft gesehenen Verhalten nach. Dann solltet ihr aber auch die Pflichten kennen, die sich daraus ergeben, nämlich gegenüber eurem Team, eurem Verein, euren Sponsoren, die ihr repräsentiert. Euer Verhalten wird nämlich auf diese projiziert, und leidet dann mit, wenn eure Gäste negative Erfahrungen im Umgang mit euch machen. Ich durfte es in Sossenheim gerade erst erleben. Die Heimmannschaft hat sich leider so verhalten, als würden sie mich nicht kennen, und wie ist die Wirkung? Der Wunsch, nicht im Film vorzukommen, ist deutlich. Soweit technisch möglich werde ich das gerne berücksichtigen, mit der möglichen Konsequenz, dass es dann mitunter keinen Bericht über das Rennen gibt. So als wäre es ein Beitrag für ein zweifelhaftes Medium, nicht für etwas, das sich seit Jahren um diesen Sport bemüht. Die älteren unter euch kennen mich länger als die jüngeren überhaupt Radsport betreiben. Euer Verhalten im Ziel hat weh getan! Vergleichbares gilt für ein anderes Team, aus dessen Reihen mich im vergangenen Winter Vorwürfe erreicht haben, meine Fotografie sei daran schuld, wenn sie stürzten! Die Vertrauensbasis, die für die Fotoarbeit unabdingbar ist, ist von da her irreparabel erschüttert! Man hat in Wombach im vergangenen Jahr aus ähnlichen Gründen den Fotografen die Arbeit verboten – dieses Jahr fahre ich nicht mehr da hin. Ich habe darüber nachgedacht, ob ich den Film, der bei dem Rennen vorgestern entstanden ist, überhaupt veröffentlichen soll – und es ist garnicht so unwahrscheinlich, dass ich etliche Rennen in Zukunft garnicht mehr besuchen werde, eben weil man dort „so nett“ zu mir war! Im Gegensatz zu den los geschickten Profis haben Blogger immer eine Wahl. Sie können sich ihre Themen aussuchen! Andere aus dem Team haben mir später gesagt, sie hätten es belustigend empfunden. Nein, lustig ist sowas absolut nicht, es ist desaströs!

Wasch mir den Pelz aber mach mich nicht naß!
Das geläufige Sprichwort gilt wohl auch hier, funktioniert aber nicht. Wenn ihr wie bei der Bayernrundfahrt, beim Ironman, bei zahlreichen Bikemarathons, bei Deutschen Meisterschaften, in der Bundesliga, etc. pp., der Ansicht seid, man könne sich für Geld alles kaufen und dürfe sich darum wie Graf Koks vom Gaswerk verhalten, dann wundert euch bitte auch nicht, wenn die Leute euch schlußendlich so behandeln.
Hilfe und Unterstützung dürft ihr dann keine mehr erwarten! Ihr habt demonstriert, wie ihr die Welt seht – jetzt plündert euer Sparbuch und geht einkaufen! Professionelles Verhalten ist nicht dasselbe wie kommerzielles Verhalten. Wenn ihr Profis sein wollt, lasst die Leute, die euch helfen wollen nicht spüren, dass es euch nur ums Geld geht.
Sonst wundert euch bitte nicht über allfällige Folgen!